Das Thema Integration hat in der öffentlichen Debatte aber auch in der Jugendhilfe Konjunktur. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der nachwachsenden Generation in Deutschland aus Familien mit Migrationshintergrund kommt, wird es auch in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig in benachteiligten Stadtteilen leben und von verschiedensten Benachteiligungen betroffen sind.
Junge Menschen mit Migrationshintergrund starten mit schlechten Chancen in das berufliche und gesellschaftliche Leben. Der Bildungs- und Ausbildungsgrad liegt bei Migranten/innen immer noch weit unter dem von Kindern und Jugendlichen deutscher Herkunft. Junge Migranten/innen sind an Gymnasien unterrepräsentiert. Bei der Vergabe von Lehrstellen werden deutsche Jugendliche bevorzugt. Bereits in Kindergarten und Grundschule müssen Initiativen, Sprach- und Lernhilfen verstärkt gefördert werden, um diesem Defizit entgegen zu wirken. Lehrpläne müssen so gestaltet werden, dass sie die migrationsspezifischen Besonderheiten berücksichtigen.
Für Menschen mit Migrationshintergrund sind die Möglichkeiten, gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation schon in der Kinder- und Jugendphase zu erleben, stark eingeschränkt. Die zum Teil kleinräumige Verteilung der ausländischen Wohnbevölkerung zeigt eine Konzentration auf bestimmte Stadtteile. Die damit verbundene Herausbildung ethnischer Communities hat nachhaltige Auswirkungen auf die Lebensbedingungen und soziale Integration der in den Quartieren aufwachsenden Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien. Traditionelle Frauenbilder und Geschlechterrollen führen zu einer spezifischen Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen. Gewalt und Kriminalität sind Bewältigungsstrategien in einer komplexen Lebenswirklichkeit, die von Kindern und Jugendlichen als ausweglos wahrgenommen wird.
In der Kinder- und Jugendhilfe wurde das Thema Interkulturalität in der Vergangenheit problem- und defizitorientiert behandelt und als Übergangsstadium in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gesehen. Die beobachteten Probleme junger Migranten/innen und die sogenannten Defizite wurden als Herausforderung für die einzelnen Bereiche der Jugendhilfe und ihre Lösungskompetenzen betrachtet. In der aktuellen Diskussion setzt sich zunehmend ein differenzierteres Bild durch. So sollen alle Menschen, Deutsche und Migranten, interkulturelle Kompetenzen entwickeln, um so eine Grundlage für das gemeinsame Zusammenleben zu schaffen. In diesem Kontext wird die umfassende interkulturelle Öffnung der sozialen Dienste angestrebt.
Eine wesentliche Herausforderung für die Jugendhilfe ist es, sich an der Lebenswirklichkeit von Migranten/innen zu orientieren und diese in der eigenen Praxis zu reflektieren. Um auf eine stetige Veränderung der Lebenswirklichkeiten reagieren zu können, ist es notwendig, sich an den jeweiligen Erfahrungen, Stärken und Problemen der Migrantinnen und Migranten zu orientieren. Bei ihnen spielen geschlechtsspezifische Unterschiede in der Sozialisation und der Wahrnehmung von Lebensräumen verstärkt eine Rolle. Die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe sind geschlechtsbezogen an den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Migranten/innen auszurichten, um eine wirklich bedarfsorientierte Angebotsstruktur im Nahraum zu entwickeln. Eine sozialräumliche Gender-Kundigkeit wird hier der Schlüssel zum Erfolg sein, um passgenaue Angebote zu entwickeln.
Wie der 11. Kinder- und Jugendbericht noch einmal deutlich machte, darf die öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen nicht vor Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund halt machen. Angesichts der Prozesse ethnisch strukturierter Segregation, Segmentierung und Ausgrenzung sowie Ausländerfeindlichkeit kommt der Kinder- und Jugendhilfe hierbei eine Schlüsselstellung zu.
Der Entwicklungsbedarf der Kinder- und Jugendhilfe wird in der Praxis anhand von Problemen aufgrund mangelnder interkultureller Kompetenzen von Mitarbeiter/innen deutlich. Integration bedeutet nicht, die eigene Wertorientierung aufzugeben. Zusammenleben entscheidet sich vor allem in Konfliktsituationen. Wer Integration nicht als paternalistische Geste gegenüber Migranten mißverstehen will, muss sich daher den Problemen der Integration stellen. Unterschiedliche Geschlechterrollen, andere religiöse Traditionen, aber auch die unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen in denen sich Deutsche und Migranten bewegen, müssen offensiv aufgegriffen werden. Hier ist die Kinder- und Jugendhilfe besonders auch als Kooperationspartnerin von anderen Institutionen gefordert, z.B. in der Zusammenarbeit mit der Schule.
Den fachlichen Standards Kooperation und Stärkung der Ressourcen im Lebensumfeld junger Menschen kommt im Rahmen der interkulturellen Arbeit eine besonderer Bedeutung zu. Bei der Zusammenarbeit mit den Eltern muss sich die Jugendhilfe für Eltern mit Migrationshintergrund stärker öffnen. Hier gilt es Hilfestellungen zu leisten und Ressourcen für ein erfolgreiches Aufwachsen junger Menschen zu finden und zu stärken. In einer Wissens- und Informationsgesellschaft kommt es zentral darauf an, allen jungen Menschen Zugänge zu Bildung und Ausbildung und den damit verbundenen Lebensperspektiven zu sichern.
Das Fachforum Integration junger Migranten/innen und Aussiedler/innen in E&C Gebieten unternimmt den Versuch, das komplexe Thema strukturiert aufzuarbeiten. Am Beginn steht die Auseinandersetzung mit dem grundlegenden Auftrag des Bundesmodellprogramms E&C bei der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie die Beleuchtung ihrer Lebenswirklichkeit.
Im Rahmen einer ersten Forenrunde werden Problemfelder der Integration aufgegriffen, um Möglichkeiten der Auseinandersetzung und der Lösung dieser Probleme im Umgang der verschiedenen Kulturen miteinander aufzuzeigen. Dabei wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung immer um ein Praxisbeispiel ergänzt.
Die zweite Forenrunde wird sich mit den spezifischen Orten, an denen die Kinder- und Jugendhilfe die Integration unterstützen und fördern kann, beschäftigen. Den Abschluss bildet eine Talkrunde, die an dem Begriff Soziale Integration ansetzt und Interkulturelle Standards der Jugendhilfe und ihrer Partner für die unterschiedlichen Felder diskutiert.
Das Programm erscheint in Kürze.