Zu den größten Problemen in benachteiligten Stadtteilen gehören (Langzeit-)Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit von staatlichen Transfermitteln sowie – damit verbunden – Armut und soziale Desintegration von meist großen Teilen der Quartiersbewohnerschaft. Hinzu kommt in vielen Gebieten die Erosion der lokalen Geschäfts- und Gewerbestrukturen mit der Folge zurückgehender Versorgungsmöglichkeiten mit Waren und Dienstleistungen sowie eines schrumpfenden Angebots an wohnortnahen Arbeits- und Ausbildungsplätzen (vgl. Difu 2003: 62). Zugleich werden aber in den verbliebenen lokalen Wirtschaftsstrukturen und im Engagement vieler Quartiersbewohnerinnen und -bewohner für ihr Gemeinwesen große Potenziale gesehen. In diesem Zusammenhang sind in vielen benachteiligten Stadtteilen ethnische Unternehmen von besonderer Bedeutung: sie leisten nicht nur unverzichtbare Beiträge zur lokalen Versorgung, sondern meist auch zur sozialen Integration im Quartier (vgl. Schuleri-Hartje und andere 2005).
Vor diesem Hintergrund spielen im Rahmen integrativer Entwicklung benachteiligter Stadtteile solche Handlungsfelder eine besondere Rolle, die auf Wirtschaftsentwicklung, Ausbildung, Qualifizierung, Beschäftigung und Gemeinwesenentwicklung gerichtet sind. Integriert werden sie in Konzepten „Lokaler Ökonomie“, die von einer krisenhaften sozioökonomischen Entwicklung räumlicher Einheiten (Regionen, Kommunen, Stadtteile, Quartiere) sowie der „Hypothese ausgehen, dass die Krise auch als Chance für einen Neubeginn, für eine eigenständige lokale (…) wirtschaftliche Entwicklung begriffen werden kann“ (Birkhölzer 2000: 2). Hierbei stehen drei Strategien im Vordergrund, auf den Punkt gebracht in dem Slogan local work for local people using local resources (Robertson 1985; zitiert in: ebenda):
Das Lokale wird dabei nicht auf einen physischen Raum – sozusagen als „Einsatzgebiet“ – reduziert, sondern als Ort im Sinne des räumlichen Aspekts eines Gemeinwesens betrachtet. Dieser Ort zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass er Lebensmittelpunkt für die dort ansässige Quartiersbevölkerung ist, eine spezifische Umgebung aufweist und untrennbar mit Traditionen und Geschichte(n) verknüpft ist (vgl. ebenda: 12 f.).
Trotz solcher konzeptioneller Überlegungen ist der Begriff „Lokale Ökonomie“ bisher kaum (wissenschaftlich) klar definiert und wird – damit zusammenhängend – in unterschiedlichen Kontexten gebraucht. Am ehesten trifft wohl zu, dass er als „Sammelbezeichnung für die Gesamtheit aller auf die Entwicklung eines Ortes (…) bezogenen wirtschaftlichen Aktivitäten“ verstanden werden kann, also sowohl formale als auch informelle, produktive wie auch reproduktive Bereiche umfasst (ebenda: 3). Damit wird der Gegenstandsbereich der „traditionellen“, sektoral ausgerichteten und wachstumsorientierten Wirtschaftsförderung in Richtung eines raum- und gemeinwesenbezogenen integrativen Ansatzes verlassen.
Vielfältige praktische Erfahrungen mit lokalökonomischen (oder lokalen sozioökonomischen) Strategien wurden unter anderem im Rahmen des internationalen, von der EU geförderten Projektes ELSES (Evaluation of Local Socio-Economic Strategies in Disadvantaged Urban Areas) gesammelt, an dem auch deutsche Projektpartner teilnahmen. Dabei wurden die drei Kategorien „Unternehmensentwicklung und Existenzgründungen“, „Beschäftigung und Qualifizierung“ sowie „Dritter Sektor oder Soziale Ökonomie/Gemeinwesenökonomie“ als Bestandteile eines integrativen Konzeptes „Lokaler Ökonomie“ identifiziert (vgl. Weck 2000: 45 ff.); im vorliegenden Beitrag werden diese Kategorien in Anlehnung an Birkhölzer (2000: 13) und Läpple (2004: 113) um die „Informelle Ökonomie“ erweitert:
Bei aller Betonung des Lokalen sollten die räumlich weiter gefassten Kontexte von Gesamtstadt und Region nicht aus dem Blick verloren werden, da sich die Wirkungszusammenhänge ökonomischer Prozesse nicht kleinräumig begrenzen lassen (vgl. ebenda: 113 f.). Außerdem ist es vielerorts in ökonomischer – vor allem beschäftigungspolitischer – Hinsicht sinnvoll oder sogar notwendig, Brücken in den weiteren räumlichen und gesellschaftlichen Kontext zu bauen. Umgekehrt sollten insbesondere die Wirtschaftsförderung und arbeitsmarktpolitische Ansätze stärker lokal ausgerichtet werden, allerdings ebenfalls im gesamtstädtischen Kontext.
Zusammenfassend verstehen wir unter „Lokaler Ökonomie“ im Zusammenhang mit der Entwicklung benachteiligter Stadtteile einen gebietsbezogenen integrativen Ansatz, der alle Aktivitäten der – monetären und nicht-monetären – Wertschöpfung im und für das Quartier umfasst, wesentlich dem lokalen Gemeinwesen zugute kommt, aber dennoch in den weiteren Kontext der Gesamtstadt oder Region eingebettet ist. Damit verbunden sind vielfältige Kooperationsbeziehungen zwischen unterschiedlichen Akteuren auf der Verwaltungs- und der Quartiersebene, zwischen professionals und Bewohnerinnen/Bewohnern, zwischen wirtschaftsnahen und eher wirtschaftsfernen Akteuren. Aktivierung, Beteiligung und empowerment werden groß geschrieben, weshalb „Lokale Ökonomie“ unseres Erachtens weniger als Sammelbecken von Handlungsansätzen denn als integrierter Managementprozess verstanden werden muss, der auf tragfähigen Organisationsstrukturen analog eines komplexen Quartiermanagements (vgl. Franke/Grimm 2002) basiert.
BBR/IfS – Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.) (2004): Die Soziale Stadt. Ergebnisse der Zwischenevaluierung. Bewertung des Bund-Länder-Programms „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“ nach vier Jahren Programmlaufzeit. Berlin (Bearbeiter: Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik GmbH – IfS). ![]()
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Foertsch, Carsten, und Andreas Langschwager (o.J.): Lokale Ökonomie. URL: http://www.kleinstaedte.de/Theorie/lokoek.htm (Stand: 02/2006). ![]()
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Läpple, Dieter (2004): Entwicklungsperspektiven von Stadtregionen und ihren lokalen Ökonomien, in: Hansche, Walter, und Kirsten Krüger-Conrad (Hrsg.) (2004): Lokale Beschäftigung und Ökonomie. Herausforderung für die „Soziale Stadt“, Wiesbaden, S. 95–117. ![]()
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Schuleri-Hartje, Ulla, Holger Floeting und Bettina Reimann (2005): Ethnische Ökonomie. Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab, Darmstadt. ![]()
Weck, Sabine (2000): Das ELSES-Projekt: Die Reichweite und Relevanz stadtteilbezogener sozio-ökonomischer Entwicklungsstrategien, in: Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2000): Lokale sozio-ökonomische Strategien in Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf, Dortmund, S. 42–54. ![]()
Autorin/Autoren:
Thomas Franke,
Bettina Reimann,
Wolf-Christian Strauss,
Difu
E-Mail:
franke@difu.de
reimann@difu.de
strauss@difu.de
Alle Fotos: Wolf-Christian Strauss
Quelle: Soziale Stadt - info 19, Der Newsletter zum Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, Deutsches Institut für Urbanistik (Difu), Berlin, 2006