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soziale stadt - bundestransferstelle

Kultur im Stadtteil


Gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der Stadt und ihrer Quartiere sind nicht allein durch städtebauliche, verkehrs-, wohnungs-, sozial- und wirtschaftspolitische Strategien geprägt. Lebendigkeit und Identität der Stadtteile beruhen vor allem auf der Vielfalt ihres kulturellen Lebens (vgl. Meyer 1998, S. 28). In vielen Programmgebieten der Sozialen Stadt spiegelt sich in hohem Maße die multikulturelle Gesellschaft wider; dort leben Menschen mit sehr unterschiedlichem kulturellen, sozialen und religiösen Hintergrund (1). Dabei bildet Stadtteilkultur zum einen das Bindeglied zwischen den verschiedenen Kulturen, sie entwickelt sich zum anderen aber gerade erst durch die Mannigfaltigkeit kultureller Milieus. Kreativität steht im Spannungsfeld von Begrenzung und Freiheit, Defiziten und Potenzialen, insbesondere dann, wenn sich verschiedene Akteure zusammenfinden und neue Allianzen bilden. Mit kulturellen Aktivitäten kann die kulturelle Topografie von Quartieren - die speziellen, unverwechselbaren Eigenarten, die jeden Stadtteil durch seine Entstehungsgeschichte, die dort lebenden Bewohnerinnen und Bewohner, die Bauten und öffentlichen Räume charakterisieren - entdeckt oder rückgewonnen werden. Aufgabe der kommunalen Kulturpolitik ist es vor allem, hierbei die Moderationsaufgabe wahrzunehmen.

Handlungsfeld Stadtteilkultur und Soziale Stadt

Welche Rolle spielt das Handlungsfeld Stadtteilkultur im Rahmen der Sozialen Stadt? Für die Beantwortung dieser Frage liefern die beiden Difu-Umfragen sowie die Erfahrungen mit der Programmbegleitung vor Ort (PvO) in den 16 Modellgebieten (2) zahlreiche Hinweise. Befragt nach Problemen in den Programmgebieten der Sozialen Stadt werden für knapp 60 Prozent der Stadtteile Defizite der sozialkulturellen Infrastruktur genannt. Auf der anderen Seite werden für 54 Prozent der Gebiete die sozialkulturelle Infrastruktur als Entwicklungspotenzial benannt und für 45 Prozent von ihnen die Verbesserung der sozialkulturellen Infrastrukturangebote als Ziel formuliert. Zu Beginn der Programmumsetzung spielten kulturelle Projekte und Maßnahmen eine untergeordnete Rolle. Das Handlungsfeld Stadtteilkultur ist bei 72 Prozent der 187 Programmgebiete (3) in das Integrierte Handlungskonzept einbezogen, bei 24 Prozent wird es für besonders wichtig gehalten. Was Antworten zu umgesetzten Maßnahmen und Projekten angeht, rangiert die Stadtteilkultur in der Rangfolge der insgesamt 20 Handlungsfelder an sechster Stelle.

Erfahrungen in vielen Modellgebieten zeigen, dass im Rahmen der Integrierten Handlungskonzepte differenzierte Ziele für den kulturellen Bereich formuliert werden. So lautet das oberste Ziel für das Modellgebiet Berlin/Kottbusser Tor: soziale und ethnische Integration und mehr Gleichheit in den Lebensbedingungen mit dem "Unterziel" bewohneradäquater Stadtteilkultur. Hierzu gehören insbesondere "Initiierung von bewohnergetragenen kulturellen Veranstaltungen, Erhalt bestehender Angebote, Schaffung von speziellen Angeboten für verschiedene Bewohnergruppen (z.B. Ältere, ausländische und deutsche Jugendliche), Aktivierung des öffentlichen Lebens im Stadtteil". Auch für den Leipziger Osten gilt Stadtteilkultur als ein wesentliches Handlungsfeld; dort werden unter diesem Punkt Maßnahmen zur Verbesserung der Teilnahme am kulturellen Leben formuliert. In Flensburg-Neustadt werden beispielsweise Schule und Kulturarbeit als gemeinsames Handlungsfeld zusammengefasst, in Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord und Hannover-Vahrenheide wird der Handlungsschwerpunkt mit "Soziale und kulturelle Infrastruktur" umschrieben. In Hamburg-Lurup lautet das Leitziel "Verbesserung des sozialen, kulturellen, bildungs- und freizeitbezogenen Infrastrukturangebots".

Kulturelle Projekte

Funktion und Bedeutung kultureller Projekte in den Stadtteilen sind facettenreich: Entwicklung kreativer Potenziale, Identitätsbildung und -stärkung, eng hiermit verknüpft Imageverbesserung, Beteiligung und Aneignung verbunden mit verbesserter Kommunikation. Wiewohl Kultur sich nicht zur Behebung gesellschaftlicher Defizite instrumentalisieren lässt, ist sie doch gerade in den Programmgebieten mit den gesellschaftlichen Problemen konfrontiert (vgl. Meyer 1998, S. 16). Hier kommt der Kulturarbeit besonders in ihrer Funktion als informelle Bildungsarbeit große Bedeutung zu.

Über Kunst- und Kulturprojekte lassen sich sonst nur schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen in die Entwicklung einbinden. Denn nicht Sprachkenntnisse und intellektuelle Fähigkeiten, sondern die Bereitschaft, sich spontan auf Neues einzulassen, und das Potenzial, Phantasie und Kreativität herauszufordern, sind bei der Planung und Durchführung solcher Projekte gefragt. Wichtig ist es, sich nicht nur kognitiv und über Sprache mit der Lebenswelt auseinander zu setzen, sondern nonverbal und handlungsorientiert zu agieren. Am ehesten gelingt Motivierung dort, wo einzelne Bevölkerungsgruppen direkt angesprochen werden und an ihre alltägliche Lebenssituation angeknüpft wird. Gemeinsame Aktivitäten wie die Ausrichtung eines Stadtteilfestes, Theateraufführungen, Musikveranstaltungen, der in freiwilligem Engagement gestaltete Kinderspielplatz oder Schulhof fördern die Beteiligung, stärken das Selbstwertgefühl und erhöhen das Zugehörigkeitsgefühl zu dem Gebiet.


Das Schiff "Cathy"
Copyright: Kattenturmer Stadtteilprojekt, Bremen

Stadtteilkultur in den Gebieten der Sozialen Stadt ist vorrangig durch produktive Funktionen geprägt. Produktiv-rezeptive Funktionen erfüllt sie z.B. dann, wenn durch die kulturellen Aktionen neue Sichtweisen auf den Stadtteil eröffnet und Änderungen in der Wahrnehmung angeregt werden.

Nach dem Motto "Tue Gutes und sprich darüber" lassen sich die vielfältigen kulturellen Aktivitäten vor Ort z.B. in Stadtteilzeitungen, Broschüren, Kalendern, Fotobänden und Ausstellungen, Lesungen, Erzählabenden usw. publik machen. Die damit verbundene Imageverbesserung, wichtiger Bestandteil koordinierter Öffentlichkeitsarbeit, strahlt in aller Regel auch über die Gebietsgrenzen hinaus und führt zu einem positiveren Bild des Stadtteils in der gesamtstädtischen Öffentlichkeit.

Schrumpfung und Rückbau, insbesondere in den Programmgebieten der neuen Länder, bieten auch Chancen für Umnutzung und Umgestaltung. So wurden beispielsweise im Modellgebiet Cottbus - Sachsendorf-Madlow eine ehemalige Kindertagesstätte zum soziokulturellen Quartierszentrum, in der Kasseler Nordstadt der ehemalige Schlachthof zum Kulturzentrum umgenutzt. Auch leer stehende Wohnungen und Ladenlokale, kostenlos oder für geringes Entgelt zur Verfügung gestellt, bieten vielfältige Nutzungsmöglichkeiten für Initiativen, Vereine und Kulturschaffende im Stadtteil. Durch derartige direkte örtliche Einbindung im Rahmen niedrigschwelliger Angebote können Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer Nachbarschaft aktiv werden.

Projekte zur Identitätsstärkung und -bildung

In Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf ist die Fluktuation der Bewohnerschaft oft recht hoch (4). Zu den Folgen zählt, dass es kaum gewachsene Lebenswelten und Stadtteil-"Identitäten" gibt. Zugleich sind die dort lebenden Menschen aufgrund ihrer schwierigen Lebenssituation in ihrer persönlichen, familiären oder beruflichen Rolle häufig verunsichert. Mit Projekten der Stadtteilkulturarbeit werden neue Aneignungs- und Ausdrucksformen zu entwickeln versucht, um über sie vielleicht Prozesse der Selbstfindung und der Stärkung von Selbstbewusstsein zu fördern.

In einer Plattenbaugroßsiedlung in Stendal wurde 1998 das Projekt "Kunstplatte", ein Kunst- und Kulturzentrum, in einem 400 qm großen Ladenlokal (von der Stendaler Wohnungsbaugesellschaft kostenlos zur Verfügung gestellt) eingerichtet. Viele Projektbeteiligte, insbesondere der Trägerverein "Kunstplatte" e.V., vermitteln seitdem Kunst und Kultur als Teil der Lebensgestaltung. Durch umfangreiche Kursangebote (unter anderem Theater, Musical, Video, Fotografie, Kochen, Tanz, Mode, Design), Veranstaltungen und Ausstellungen der Ergebnisse werden kreative Freizeitgestaltungen angeregt und lebensweltbezogene Wissensvermittlung unterstützt. "Offenheit und Integration in die Stadt werden durch den stadtteilübergreifenden Austausch zwischen den Initiativen im Stadtteil, in der Stadt und im Landkreis gefördert und tragen auch zu einem besseren Image der Plattenbausiedlung bei" (5).

Identitätsbildung und -stärkung erfolgen zudem über "Spurensicherungen im Stadtteil": Stadtteil- und Ortsgeschichte(n) werden erkundet und sichtbar gemacht. Alteingesessene gehen auf "Entdeckungsreise", und auch für neu Zugezogene wird der Stadtteil erlebbar. Fotodokumentationen, Ausstellungen, Veröffentlichungen, thematische Begehungen sowie Interviews z.B. mit Bürgerinnen und Bürgern bilden die Grundlage für die Aufarbeitung. So finden beispielsweise in den Modellgebieten Bremen-Gröpelingen, Leipziger Osten und Cottbus - Sachsendorf-Madlow regelmäßig Stadtteilführungen und Quartiersspaziergänge statt.

In den vielerorts veranstalteten "Geschichtswerkstätten" befassen sich interessierte Bürgerinnen und Bürger mit der Geschichte ihres Stadtteils. Die historischen Dimensionen des vergangenen Alltags werden aufgespürt und dem heutigen alltäglichen Leben gegenübergestellt. Hierbei werden unterschiedliche Akzente gesetzt; die Geschichtswerkstatt im Programmgebiet Köln-Kalk beispielsweise führt hierzu in ihrer Internetpräsentation Folgendes aus: "Unser Ziel ist es, die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte der Arbeitervorortes Kalk aufzuzeigen. Gestern und heute. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Mensch. Wie haben die Arbeiter gelebt und gewohnt, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass Kalk ein blühender Industriestandort war? Wie war das kulturelle Leben in unserem Vorort? Welche Entwicklungen sind für die Zukunft absehbar und was bedeutet sie für die Kalker Bevölkerung?" (www.gw-kalk.de, Stand: 10. September 2002).

Projekte zur Imageverbesserung

Ein typisches Merkmal der Soziale-Stadt-Gebiete ist ihr vergleichsweise schlechtes Image. Dabei klafft oft eine Lücke zwischen der Außen- und der Binnensicht. Das negative Außenimage wird häufig durch entsprechende Medienberichte verstärkt, manchmal bis zur regelrechten Stigmatisierung. Die Bevölkerung hat einen weit differenzierteren Blick; vielfach werden nur einige räumliche Bereiche oder Defizite in bestimmten Handlungsfeldern negativ bewertet. Projekte, die urbane Öffentlichkeit thematisieren oder durch "verstörende" ("Stolpersteine") oder ungewöhnliche Aktionen im öffentlichen Raum Aufmerksamkeit erzeugen und zum Nachdenken anregen, können bewirken, dass einzelne Bereiche des Stadtteils von der Stadtöffentlichkeit, aber auch von der Gebietsbevölkerung positiver angesehen werden.

Im Modellgebiet Ludwigshafen-Westend werden im Projekt "Kunstweg durch's Westend" zahlreiche Teilvorhaben über mehrere Jahre realisiert. Auf der Offenen Bühne für junge Talente führten Kinder und Jugendliche ihre Talente in den Bereichen Tanz, Musik, Akrobatik, Rap, Breakdance, Pantomime, Theater, Jonglage vor. In einem "Fahnenprojekt" gestalteten Kinder und Kunstschaffende drei Fahnen mit dazugehörigem Mast; dieser wurde an einer zentralen Anlaufstelle (Erziehungsberatungsstelle) im Gebiet aufgestellt. Darüber hinaus werden Straßen und Plätze neu gestaltet; außerdem sind Straßenmalaktionen, Fotoausstellungen, Graffiti-Aktionen und andere Maßnahmen geplant. Über die Projekte wird ausführlich in der Stadtteilzeitung "Im Westend zu Haus" berichtet (vgl. hierzu auch den Beitrag "Ein ,wanderfreudiges' buntes Haus" in Soziale Stadt - info 10. Berlin: Deutsches Institut für Urbanistik, Dezember 2002, S. 21.).


Kunstbaustelle Windwörter (Neuruppin)
Copyright: Rupprecht Matthies

Ein Beispiel für eine gebietsübergreifende Strategie ist das Consoltheater im Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck, das 1999 vom "Forum kunstvereint e.V." auf der ehemaligen Schachtanlage Consolidation mit Mitteln der Städtebauförderung (IBA) gegründet wurde. Neben der großen Halle für Theater- und Konzertveranstaltungen stehen Räume für Proben, Kurse, Werkstatt, Büros und Lagerräume sowie eine Gaststätte mit einer kleinen Bühne zur Verfügung.

In dem Projekt "QuartiersRap Kotti" geht es um weitreichende Imageverbesserung durch eine gemeinsame Veranstaltung des Quartiermanagements mit Jugendlichen am Wassertorplatz in Berlin-Kreuzberg. Hier trafen sich 1999 etwa 20 Rap-Gruppen der Hip-Hop-Szene aus ganz Deutschland und führten einen Wettbewerb um die besten Texte durch. Eine Jury aus Vertreterinnen und Vertretern der Szene und der Quartiersbewohnerschaft wählte vier Gewinnerinnen und Gewinner aus. Die Preise wurden von Wohnungsunternehmen und Eigentümergruppen gestellt, die Veranstaltung bundesweit von einem Sponsor beworben. Vereine, Bewohnerschaft und Unternehmen beteiligten sich, besonders die Jugendlichen übernahmen verschiedene Aufgaben und trugen Verantwortung.

Auch in vielen Schulen in den Programmgebieten sind Kulturprojekte angesiedelt, die sich positiv auf die Schulsituation und das Stadtteilimage auswirken. Beispielsweise wurde in der "Astrid-Lindgren-Schule" im Modellgebiet Schwerin - Neu Zippendorf von Schülerinnen und Schülern das Musical "Naomi" entwickelt und aufgeführt, in dem Fremdenfeindlichkeit und soziale Probleme der Jugendlichen im Gebiet thematisiert werden. Das Musical wurde auch an anderen Schulen in Schwerin aufgeführt, geplant ist eine Tournee in weitere Städte Mecklenburg-Vorpommerns.

Im Modellgebiet Bremen-Gröpelingen verbindet ein Kulturverein seit mehreren Jahren seine Arbeit mit der Stadtteilentwicklung. Der Verein versteht unter Kultur die Förderung einer demokratischen und diskursiven Öffentlichkeit, die der Resignation und Gleichgültigkeit im Stadtteil ein Modell der kreativen Partizipation entgegensetzt. Nach Meinung des Vereins stellt "Kultur Vor Ort" konkret die Verbindung zwischen baulich-räumlicher Stadtstruktur und dem sozialen und kulturellen Leben im Stadtteil her. "Kunst und Kultur sind nicht das Sahnehäubchen des städtischen Alltags, das nur wenige genießen können. Kunst und Kultur werden vielmehr zum Motor von Öffentlichkeit, werden zum Ferment von Urbanität, weil Kunst und Kultur in der Lage sind, soziale, ethnische und religiöse Grenzen zu überschreiten, und weil Kunst und Kultur in der Lage sind, Identität zu stiften, soziale Kompetenz zu stärken oder sogar ökonomische Impulse zu setzen." (Kultur Vor Ort e.V. 2001, S. 10)

Projekte für Kommunikation und Aneignung

Stadtteilkultur kann als dynamischer produktiver Prozess betrachtet werden, in dem versucht wird, alle sozialen Milieus zur Schaffung einer diskursiven Öffentlichkeit einzubeziehen. Dabei bilden nicht primär Kunst- oder Kulturprodukte das Ziel, sondern der Prozess des Handelns; zentrale Bedeutung erhalten so Kommunikationsformen jenseits der sprachlichen Verständigung, z.B. Tanz, Musik, Sport oder Spiel.

Stadtteilkultur baut auf den Lebenserfahrungen und der Alltagssituation der Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils auf. Bei der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen ist es wichtig, die Interessen und Fähigkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu klären und diese bei der Aufgabenverteilung zu berücksichtigen. Projekte sollten nicht nur durch Profis und Spezialisten initiiert werden, sondern aus Ideen der Bewohnerschaft entstehen und mit dieser durchgeführt werden. Selbst bestimmte Teilhabe an Veranstaltungen, Projekten und Maßnahmen ist nicht nur identitätsfördernd, durch sie können auch selbst tragende Netzwerke entstehen.

In einigen Städten, in denen Universitäten und Fachhochschulen mit Fachbereichen für Kunst und Kultur ansässig sind, bestehen zum Teil Kooperationen mit Akteuren in den Programmgebieten, um Projekte vorzubereiten und/oder durchzuführen. Zu nennen ist z.B. die Fachhochschule Lüneburg, Fachbereich Sozialwesen (unter anderem mit dem Teilbereich Ästhetik und visuelle Kommunikation), die im Programmgebiet Lüneburg-Kaltenmoor eigene Projekte mit der Bewohnerschaft entwickelt und umsetzt.

Auch Vereine bilden wichtige Bausteine für Kommunikation und gemeinsame Aktionen in den Quartieren. Aufbauend auf ihren organisatorischen und fachlichen Erfahrungen sowie ihren Kommunikationsstrukturen bieten sie gute Voraussetzungen, um gemeinsam neue Aktionen zu initiieren (z.B. in Laienspiel-, Musik-, Tanz-, Literatur- und Malgruppen). So konnten im Berliner Soziale-Stadt-Gebiet Neukölln - Schillerpromenade durch die kostenlose Bereitstellung von Veranstaltungsräumen der örtlichen Vereine, der Kirchen, in Privatwohnungen oder unter freiem Himmel Kunstschaffende, Autorinnen und Autoren aus der Nachbarschaft für Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte und Lesungen gewonnen werden. Der einmal monatlich statt findende "Schillernde Donnerstag" bietet den Kunstschaffenden die Möglichkeit, sich zu präsentieren; für die Bevölkerung bringt dieses vielfältige Angebot neue kulturelle Anregungen und Gelegenheit, sich mit unterschiedlichen Kulturkreisen auseinander zu setzen.

Um möglichst viele Bevölkerungsgruppen am Kulturangebot zu beteiligen, muss dieses im Stadtteil zentral verortet sein; dies trifft beispielsweise auf die soziokulturellen Zentren (6) in den Quartieren zu. Stellvertretend sei hier das Kulturzentrum Schlachthof in der Kasseler Nordstadt genannt: es wendet sich mit seinen Angeboten besonders an die zugewanderte Bewohnerschaft. Es unterhält ein Jugendzentrum, eine Kneipe und bietet Musik- und Kleinkunstveranstaltungen. Das von ihm initiierte "Internationale Frühlingsfest" strahlt weit über den Stadtteil hinaus. Gleichzeitig ist das Kulturzentrum in den "Runden Tisch Nordstadt-Projekt" (entscheidendes Gremium für die Umsetzung des Programms "Soziale Stadt") eingebunden, wodurch die Beteiligung an der gesamten Stadtteilentwicklung gesichert ist. Ein weiteres Beispiel: das Schlüsselprojekt "Kulturhof Lübbenau" (ehemaliges Bahngebäude) im Programmgebiet Lübbenau Neustadt, das vom "Kulturhof e.V.", Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur Brandenburg, getragen wird. Auch dieser Verein deckt ein breites Spektrum kultureller und sozialer Angebote ab. Hierzu zählen:

  • "darstellende Kunst, Amateurtheater, Tanzgruppen, Kabarett
  • bildende Kunst, Malerei, Fotografie, Workshops zu bildender Kunst, Ausstellungen
  • Musikveranstaltungen der kleinen Form
  • Veranstaltungen mit Kindern, Ferienbetreuung
  • Integration von Ausländern, Zusammenarbeit mit der Regionalstelle für Ausländer
  • Kommunikativer Treff mit gastronomischen Angeboten"

(Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes Brandenburg 2001, S. 61).

Da soziokulturelle Arbeit in starkem Maße durch ehrenamtliches Engagement getragen wird, fördert und ermöglicht sie auch verschiedene Beteiligungsformen und trägt zur Aktivierung bei.

In vielen Gebieten bilden Kunst- und Kulturprojekte mit Kindern und Jugendlichen einen Schwerpunkt soziokultureller Arbeit. Kulturelle Jugendarbeit - in ihren Methoden sozial-interaktiv - nimmt Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ernst, stärkt das Selbstwertgefühl von jungen Menschen, ermöglicht Partizipation und Integration und trägt zur Sinnstiftung und Lebensbewältigung bei. Zudem wird mit öffentlichen Bastel-, Mal-, Musik- oder Spielaktionen für Kinder eine breitere Öffentlichkeit hergestellt. Über derartige Aktionen werden zudem als Nebeneffekt oft auch die Erwachsenen erreicht.

Seit Herbst 1999 findet in den nordrhein-westfälischen Programmgebieten das Projekt "mus-e - Multikulturelles soziales Schulprojekt für Europa" statt, das je zur Hälfte aus öffentlichen Mitteln und solchen der Yehudi Menuhin Stiftung Deutschland finanziert wird. mus-e ist

  • "ein soziales Projekt, das benachteiligten Kindern hilft, soziale Barrieren sowie Gewalt und Rassismus zu überwinden;
  • ein Kulturprojekt, das in die kulturell benachteiligten Stadtteile Musik, Tanz, bildende Kunst usw. hineinträgt. Etwa 70 Künstler werden so drei Jahre lang regelmäßig im Stadtteil tätig;
  • ein Schulprojekt, das den Schulen in den Stadtteilen neue Impulse gibt und sie damit als Institutionen im Stadtteil stärkt"

(Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen 2000, S. 4).

Mittels Kunst und Kreativität werden Kinder in ihrer Persönlichkeit, ihrem Selbstbewusstsein und ihren sozialen Kompetenzen gestärkt, Ausgeglichenheit und Toleranz werden gefördert; dazu Sir Yehudi Menuhin, der Schirmherr des Projekts: "Kinder müssen zuerst singen und tanzen lernen. Mathematik und Sprachen folgen später."

In dem im zweiten Halbjahr 2002 gestarteten Modellprojekt "Bitte wenden! Kunstaktionen auf der Rückseite der Stadt" des Bundesverbands der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. (bjke) im Rahmen der Programmplattform "Entwicklung & Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten/E&C" werden Jugendliche in die Stadtteilentwicklung eingebunden. Hierbei machen acht Jugendkunstschulen mobile kulturpädagogische Projektangebote für Kinder und Jugendliche in den "Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf":

"Gemeinsam mit Künstlern, Kultur- und Sozialpädagogen verwirklichen die jungen Bewohner zwischen Juni und September 2002 einen Gestaltungswunsch für ihr Wohn- und Lebensumfeld. Die Stärke von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Spannungsgebieten durch künstlerische Beteiligungsprojekte zu fördern und Kulturpädagogik als Bestandteil der Stadterneuerung zu verankern, ist Ziel des bjke-Modellprojekts im Jahr 2002" (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Bundesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. 2002).


Kunstprojekt Marxloh-Mosaik
Copyright: Entwicklungsgesellschaft Duisburg (EG DU)

Ausblick

Obwohl dem Handlungsfeld "Stadtteilkultur" verglichen mit städtebaulichen, sozialen und wirtschaftlichen Belangen in den Anfangsjahren der Programmumsetzung geringe Bedeutung beigemessen wurde, hat es inzwischen für das Zusammenleben und die Kommunikation in den benachteiligten Stadtteilen eine mittragende Rolle übernommen. Die neue Vielfalt kultureller Aktivitäten und Aktionen lebt vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger, ermöglicht Beteiligung und Aktivierung, trägt zur Verbesserung des Stadtteilimages und damit auch der Entwicklungsperspektiven des Quartiers bei.


Ulrike Meyer und
Ulla Schuleri-Hartje, Difu


Anmerkungen


(1) In Hannover-Vahrenheide beispielsweise leben Menschen aus insgesamt 58 verschiedenen Nationen (vgl. Endbericht der Programmbegleitung vor Ort Hannover-Vahrenheide, Hannover 2002, S. 30). | (zurück)

(2) Die Aussagen in diesem Beitrag zu Projekten in den Modellgebieten basieren auf den 16 Endberichten der Programmbegleitungen vor Ort. Bis auf den Bericht zu Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord waren die Berichte zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser info-Ausgabe (Soziale Stadt - info 10. Berlin: Deutsches Institut für Urbanistik, Dezember 2002) noch nicht veröffentlicht. | (zurück)

(3) In 187 von 222 Programmgebieten ist ein Integriertes Handlungskonzept vorhanden oder in Vorbereitung, wie die zweite Umfrage des Difu 2002 ergab. | (zurück)

(4) So lebte 1997 über ein Drittel der Bevölkerung seit weniger als drei Jahren in der Innenstadt Neunkirchens. Im Bereich der Unterstadt traf dies sogar auf über 50 Prozent der Bewohnerschaft zu; vgl. hierzu Jacob u.a. (2002), S. 10. | (zurück)

(5) Dokumentation des Wettbewerbs Preis Soziale Stadt 2000, S. 14. | (zurück)

(6) "Soziokultur" umfasst eine vielfältige Kulturarbeit mit einer großen Bandbreite an Veranstaltungs- und Arbeitsformen, Themen und Inhalten. Zur Soziokultur gehören - neben soziokulturellen Zentren - weite Bereiche der kulturellen Bildung, der kulturellen Kinder- und Jugendbildung, der Kulturpädagogik, der Jugendkunstschulen sowie Bereiche der ästhetischen Erziehung. Die Soziokultur und ihre Einrichtungen stellen - mehr als andere kulturelle Bereiche - darauf ab, sich neuen gesellschaftlichen Themen, Problemen und Aufgaben zu öffnen und sich mit diesen auseinander zu setzen. Durch ihre zielgruppenorientierten kulturellen Angebote und die aktive Einbeziehung der Besucherinnen und Besucher können sie integrativ und präventiv wirken. | (zurück)

Literatur

 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Bundesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. (Hrsg.) (2002): Informationsblatt "Bitte wenden! Kunstaktionen auf der Rückseite der Stadt. Kulturpädagogische Projekte mit Kindern und Jugendlichen in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf".

 Dokumentation des Wettbewerbs Preis Soziale Stadt 2000. Preisträger, Anerkennungen, Projekte der engeren Wahl, Teilnehmer, Berlin 2001.

 Jacob, Andreas; Sabine Herz; Sonja Mazak und Martina Pauly: Endbericht der Programmbegleitung vor Ort im Modellgebiet "Innenstadt Neunkirchen", Kaiserslautern 2002.

 Kultur Vor Ort e.V. (Hrsg.) (2001): Kultur Vor Ort, Dokumentation 1998-2001, Bremen.

 Meyer, Bernd: Kultur in der Stadt - Empfehlungen, Hinweise und Arbeitshilfen des Deutschen Städtetages 1987-1998 Stuttgart (Neue Schriften des Deutschen Städtetages, H. 75).

 Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2000): mus-e (zeit). MULTIKULTURELLES SOZIALES SCHULPROJEKT FÜR EUROPA, Heft 1 (2000), S. 4.

 Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes Brandenburg (Hrsg.) (2001): Soziokulturelle Einrichtungen in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf, Potsdam.


Quelle: Soziale Stadt - info 10, Der Newsletter zum Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, Deutsches Institut für Urbanistik (Difu), Berlin, 2002

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