Bisherige Erfahrungen bei der Umsetzung des Programms "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt" (im Weiteren: Programm Soziale Stadt) zeigen, dass das Fehlen von Arbeitsplätzen und Beschäftigungsmöglichkeiten sowie ein Mangel an Qualifikation und Ausbildung zentrale Probleme in den benachteiligten Quartieren darstellen. Eine Umfrage in den Programmgebieten der Sozialen Stadt ergab, dass Maßnahmen zur Verbesserung der lokalen Beschäftigungssituation, zur Aus- und Weiterbildung, zur Stabilisierung und Gründung von Unternehmen sowie zur Förderung des Zweiten Arbeitsmarktes und des "Dritten Sektors" (z.B. gemeinnütziger Organisationen wie Genossenschaften, Vereinen, Stiftungen usw.) eine große Rolle spielen. Die Hälfte der bisher in Modellgebieten für das Programm Soziale Stadt durchgeführten Themenkonferenzen war denn auch der Strategie "Lokale Ökonomie" gewidmet: so in Flensburg-Neustadt (vgl. Bericht in info Nr. 4), in Hamburg-Altona/Lurup und in Kassel-Nordstadt (vgl. die Berichte in diesem Heft). Die Strategie "Lokale Ökonomie" ist auf arbeitsmarkt-, beschäftigungs-, struktur- und sozialpolitische Ziele gerichtet; mit ihr werden die Handlungsfelder "Lokale Wirtschaftsförderung", "Beschäftigungsförderung und Qualifizierung/Ausbildung" sowie "Soziale Ökonomie" (im Sinne einer gemeinwohlbezogenen und sozialintegrativen Ökonomie) in einem sozialraumbezogenen Ansatz verbunden. Damit ergänzt dieses Konzept die "klassische" Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung, bei der strukturpolitische Maßnahmen lediglich indirekt - über den Standort der Unternehmen - räumlich ausgerichtet werden. Mit Ansätzen der Lokalen Ökonomie soll - die Potenziale und Bedürfnisse von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Betrieben vor Ort aufgreifend - die wirtschaftliche Entwicklung mittels kleinräumig ansetzender Instrumente unterstützt werden. Ergebnisse einer Untersuchung von Teilökonomien in Hamburg (Läpple/Deecke/ Krüger 1994) haben die Bedeutung von lokal ausgerichteten Ansätzen bestätigt: demnach beeinflussen die "lokalen Milieus" (historische und kulturelle Rahmenbedingungen) und die "lokalen Funktionscluster" (Kooperationsbeziehungen zwischen den Betrieben) die quartierbezogene ökonomische Entwicklung ganz wesentlich. Auch ist deutlich geworden, dass die Beschäftigtenzahl gerade bei den örtlich orientierten Betrieben wächst. Ansätze der Lokalen Ökonomie werden nicht nur im Rahmen des Programms Soziale Stadt, sondern beispielsweise auch im Programm "Lernende Region" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Die Europäische Kommission unterstützt die Beschäftigung vor Ort unter anderem durch "Territoriale Beschäftigungspakte" und eine Reihe von Pilotvorhaben zum "Dritten System" (in Deutschland als "Dritter Sektor" bezeichnet). Eine Bündelung dieser Ansätze in Gebieten der Sozialen Stadt ist möglich und erhöht die Effektivität aller Programme. Voraussetzungen für die Wirksamkeit der Strategie "Lokale Ökonomie"Die Entwicklung und die Umsetzung integrierter Handlungskonzepte stehen im Zentrum des Programms Soziale Stadt; die Strategie "Lokale Ökonomie" bildet hierbei einen wesentlichen Bestandteil. Die Verabschiedung eines solchen Handlungskonzepts und seine Fortschreibung durch den Rat der Stadt geben der Umsetzung einer integrativen Stadtteilentwicklung den nötigen politischen Rückhalt. Sollen lokal-ökonomische Ansätze wirksam sein, müssen neben der politischen Absicherung folgende Voraussetzungen vorliegen oder geschaffen werden:
Schwerpunkte der Strategie "Lokale Ökonomie" liegen in den drei Handlungsfeldern "Lokale Wirtschaftsentwicklung und Existenzgründungsförderung", "Beschäftigung und Qualifizierung" sowie "Soziale Ökonomie"1, die im Folgenden näher dargestellt werden. Handlungsfeld "Lokale Wirtschaftsentwicklung und Existenzgründungsförderung"Ortsansässige Unternehmen zu stärken und Unternehmensgründungen zu fördern, stabilisiert und erhöht die Zahl der Arbeitsplätze in den Gebieten, gewährleistet die Versorgung mit wesentlichen Gütern und Dienstleistungen und schafft oder erhält eine wettbewerbsfähige Unternehmensstruktur. Wohnortnahe Beschäftigung und Versorgung kommen besonders den weniger mobilen und den auf niedrigschwellige Angebote angewiesenen Bevölkerungsgruppen zugute.
Vor allem in Großsiedlungen sind die Wohnungsunternehmen wesentliche Akteure bei der sozialen und ökonomischen Entwicklung des Gebiets: indem sie Sozialarbeiter, Handwerkerteams oder Arbeitnehmer aus dem Stadtteil beschäftigen, nachbarschaftliche Aktivitäten initiieren und unterstützen, Mitbestimmung und die Übernahme von Verantwortung durch die Mieterinnen und Mieter (etwa bei der Pflege des Wohnumfelds und bei Pförtnerdiensten) fördern, kulturelle Aktivitäten finanzieren usw. In Hamburg konnte durch eine lokale Entwicklungsberatung für kleinere und mittlere Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit 1998 in den Stadtteilen St. Pauli und Ottensen ein Großteil der Betriebe in ihrer Entwicklung gefördert und in Netzwerke aktiv eingebunden werden. Der Verein Beschäftigung und Bildung e.V. als Träger der Maßnahme hat Quartier-Büros für die lokale Wirtschaftsentwicklung und kontinuierliche Kontakte zu den Unternehmen eingerichtet und so seine Präsenz und Ansprechbarkeit vor Ort sichergestellt. Kernbereiche seiner Arbeit mit den Unternehmen waren neben der aufsuchenden Beratung und der Initiierung betrieblicher Netzwerke die Konzipierung betriebsbezogener Seminare, die vor Ort in den Quartier-Büros durchgeführt wurden, Fördermittelrecherchen und die Vermittlung von Kontakten zu Behörden und Banken. Für dieses Projekt wurden Mittel der EU-Gemeinschaftsinitiative ADAPT (jetziges Nachfolgeprogramm: EQUAL), des Europäischen Sozialfonds, der Hamburger Wirtschaftsbehörde, der Stadtentwicklungsbehörde und der Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales gebündelt. Handlungsfeld "Beschäftigung und Qualifizierung"Mit Beschäftigungsförderung und Qualifizierungsmaßnahmen sollen die Arbeitsmarktchancen der Bewohnerinnen und Bewohner in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf erhöht werden, z.B. durch Ausbildung, vorübergehende Beschäftigung und gezielte Vermittlung. Zugleich wird hierdurch auch die lokale Wirtschaft stabilisiert: Quartiersbewohnerinnen und -bewohner, die in Arbeitsmarktprojekte eingebunden sind, tragen durch ihr höheres Einkommen zur Steigerung von Kaufkraft und Nachfrage im Stadtteil bei. Beschäftigungsförderung und Qualifizierung können mittels betrieblicher und außerbetrieblicher Initiativen sowie durch Kooperation von öffentlicher Hand und Unternehmen im Stadtteil erfolgen. Dabei kommen grundsätzlich personen- und unternehmensbezogene Maßnahmen in Betracht. Während bei personenbezogenen Maßnahmen die Unterstützung der Fähigkeiten und Potenziale des Einzelnen im Vordergrund steht, sind unternehmensbezogene Maßnahmen am Bedarf der Unternehmen im Stadtteil ausgerichtet; Arbeit Suchende aus dem Gebiet werden dementsprechend gezielt qualifiziert. Bisherige Erfahrungen lokaler Beschäftigungsträger zeigen, wie wichtig eine Verbindung von personen- und unternehmensbezogenen Ansätzen für eine effektive und passgenaue Vermittlung ist, von der beide Seiten profitieren. So wird z.B. die EDV-Fortbildung einer festangestellten Sekretariatskraft ermöglicht, indem eine auf diese Tätigkeit vorbereitete Arbeitslose als Vertretung finanziert wird (Projekt "Jobrotation" in Hamburg). Die Verknüpfung beider Ansätze erscheint zudem vor dem Hintergrund notwendig, dass die in der Regel kleineren Unternehmen in den benachteiligten Stadtteilen ihr Personal selten über Suchanzeigen in Tageszeitungen, vielmehr häufig über den Weg persönlicher Empfehlungen rekrutieren. Bewährt haben sich auch Kurse, in denen Bewerberinnen und Bewerber ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen selbst ermitteln, und Kennenlern- oder Testphasen in kleineren Betrieben, die durch Lohnkostenzuschüsse der Arbeits- oder Sozialverwaltung gefördert werden. Vor spezielle Hürden sehen sich alleinerziehende Mütter und Väter, Migrantinnen und Migranten mit Sprach- und Qualifikationsproblemen, Langzeitarbeitslose und Jugendliche ohne Ausbildung gestellt. Hier greifen Instrumente zur Berufsorientierung und -vorbereitung, der Aufbau oder die Erweiterung von Lehr- und Ausbildungsstätten in Betrieben und gemeinnützigen Einrichtungen sowie Sprachkurse für Migranten. Das gebietsbezogen angelegte "Freiwillige Soziale Trainingsjahr" (FSTJ) ist beispielsweise ein wichtiger Baustein im Bereich der Berufsorientierung und -vorbereitung für Jugendliche. Den Kern des FSTJ bildet die Verbindung von Arbeitserfahrungen mit attraktiven Qualifizierungsbausteinen. Diese vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms "Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten" entwickelte jugendpolitische Maßnahme ergänzt das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt und bietet Jugendlichen in besonderen Lebenslagen maßgeschneiderte Unterstützung beim Übergang von der Schule in den Beruf. Von wesentlicher Bedeutung ist die Verknüpfung von lokalen Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten mit der Umsetzung des stadtteilbezogenen integrierten Handlungskonzepts. Die Vernetzung von Arbeitsmarktpolitik mit gesellschaftlich sinnvollen Handlungsfeldern führt nicht nur zu spürbaren Verbesserungen im Quartier; die unmittelbare Tätigkeit für den Stadtteil führt bei den an Maßnahmen und Projekten Teilnehmenden auch zu einer stärkeren Identifizierung mit ihrer Arbeit und ihrem Stadtteil. Besonders der investive städtebauliche Bereich bietet Möglichkeiten, Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte mit konkreten Umsetzungsmaßnahmen zu verbinden: Entsiegelung, Begrünung und Neugestaltung öffentlicher und privater Flächen, Anlage von Spielplätzen, Gestaltung von Brachflächen, Bau von Radwegen und vieles mehr. Aber auch nicht-investive Maßnahmen im Stadtteil, z.B. im Bereich der Kinder- und Jugendbetreuung, der Sport- und Kulturangebote, können mit Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten gekoppelt werden. Die Vermittlung Arbeit Suchender erfolgt allerdings in der Regel personen- und nicht gebietsbezogen. Um bei der Zuweisung zu lokalen Beschäftigungsmaßnahmen vorrangig Arbeitslose aus den benachteiligten Stadtteilen zu berücksichtigen, bedarf es lokal differenzierender Arbeitslosendaten; diese bereitzustellen, ist zwar grundsätzlich möglich, aber noch recht aufwendig. Um die Finanzmittel effektiv und an den Bedürfnissen der betroffenen Personen orientiert einzusetzen, hat es sich bewährt, die Aktivitäten der Arbeits- und Sozialverwaltung zu bündeln, z.B. durch die Bildung gemeinsamer Anlauf- und Beratungsstellen. Die Möglichkeiten des Finanzierungsmixes für Doppelbezieher (Arbeitslosen- und Sozialhilfe) werden bereits von vielen Ämtern genutzt, indem beispielsweise Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger an vom Arbeitsamt getragenen Maßnahmen teilnehmen, der Lebensunterhalt aber weiterhin vom Sozialamt finanziert wird. Für gemeinsame Projekte der Arbeits- und Sozialverwaltung können seitens der Arbeitsverwaltung auch Mittel der Freien Förderung nach § 10 SGB III eingesetzt werden. Aufgrund der Förderbestimmungen sind von der Arbeits- und Sozialverwaltung finanzierte Beschäftigungsmaßnahmen zeitlich begrenzt und unterliegen zum größten Teil dem Erfordernis der Zusätzlichkeit. Diese Einschränkungen führen zu Schwierigkeiten bei der Verwirklichung mittelfristiger Beschäftigungsziele. Notwendig erscheint es daher, stärker als bislang die Ausgründung erwerbswirtschaftlich tätiger Beschäftigungsbetriebe in Erwägung zu ziehen, um eine teilweise Ausrichtung am Markt und damit größere Unabhängigkeit der Beschäftigungsträger zu erreichen. Finanzielle Grundlage für solche Betriebe können beispielsweise die im Rahmen komplexer Stadterneuerungsprozesse mittel- bis langfristig verfügbaren Fördermittel sein.
Die Sanierung erfolgte im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus des rheinland-pfälzischen Finanzministeriums; die Bewohnereigenleistung betrug rund 20 Prozent. Nach Aufnahme des Gebiets in das Programm Soziale Stadt im Jahr 2000 wird derzeit zur Abstützung der lokal-ökonomischen Strategie ein Stadtteilmanagement eingerichtet, das die bisherigen Ansätze im Hinblick auf neue lokale Beschäftigung, Qualifikation und auf langfristig selbsttragende Strukturen weiterentwickelt. Neben Sanierungs- und Wohnumfeldarbeiten sind der Bau und die Erweiterung von Spielplätzen, der Aufbau eines Multimediazentrums als Lern-, Qualifizierungs- und Fortbildungseinrichtung sowie die Erweiterung der Kinder- und Jugendarbeit Ziele der Stadtteilentwicklung. Handlungsfeld "Soziale Ökonomie"Ziel der Sozialen Ökonomie oder des Dritten Sektors ist es, neue "soziale Unternehmen" zu entwickeln; diese sollen vor allem lokal nachgefragte Dienstleistungen anbieten, die über den Markt nicht bereitgestellt werden können. Beispiele hierfür sind gemeinwesenbezogene Stadtteilbetriebe, Stadtteilservices, hauswirtschaftliche Dienstleistungsagenturen, Schulküchen sowie Stadtteil- und Kulturcafés. Projekte der Sozialen Ökonomie, die gleichermaßen soziale, gemeinwesenorientierte und ökonomische Ziele verfolgen, sind besonders geeignet, Einkommens- und Arbeitsmöglichkeiten für gering qualifizierte Personengruppen zu schaffen. Sie ergänzen überdies die soziale und kulturelle Infrastruktur sowie das lokale Angebot an Waren, an personen-, haushalts- und gemeinwesenbezogenen Dienstleistungen im Gebiet. Für den Erfolg dieser Projekte ausschlaggebend sind vor allem ihre Einbettung in den Stadtteil und ihre Ausrichtung am lokalen Bedarf. Da dieser Bereich kaum vollständig zu professionalisieren ist, kommt der freiwilligen Arbeit hier eine wesentliche Bedeutung zu. Diese Arbeitsform im Stadtteil trägt dazu bei, die notwendige Qualifikation und das Selbstbewusstsein für eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt zu erwerben. Um Marginalisierungen zu vermeiden, sind allerdings flexible Übergänge zwischen freiwilliger und professioneller Arbeit zu schaffen. Durch eine beispielhafte Strategie zur Beschäftigung vor allem von Frauen im Handlungsfeld "Soziale Ökonomie" konnten im thüringischen Großbreitenbach bis heute über 30 Projekte mit knapp 100 Mitarbeiterinnen initiiert und umgesetzt werden. In dem Stadtteil mit etwa 3 300 Menschen gründete sich im Jahre 1992 die Frauengruppe Großbreitenbach e.V., um nach neuen Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu suchen. Aus einer Ideenkonferenz heraus entstand das Frauenbeschäftigungsprojekt "GBF-promotion" mit anfangs 30 Mitarbeiterinnen. Erste soziale Vorhaben beinhalteten die Hauswirtschaftspflege, das Frauen- und Familienzentrum, das Jugendzentrum und den Seniorenclub Altenfeld. Sie wurden im Laufe der Zeit um etliche Projekte ergänzt: die Frauenzeitung ISA, die Kontaktstelle "Hyperaktives Kind" sowie "women on the web", eine Internetfirma, die touristische Dienstleistungen anbietet. Im Mittelpunkt steht die Schaffung von Dauerarbeitsplätzen, die im Bereich der Vernetzung einzelner Projekte und bestimmter Interessengruppen als aussichtsreich ausgemacht wurden. Das "Haus für Alle" - eine Begegnungsstätte für Jugendarbeit, Seniorenbetreuung und Fraueninitiativen - vereint die Kräfte zu einer bedeutsamen kommunalen Institution. In der Begründung zur Verleihung des Preises "Soziale Stadt 2000" an dieses Projekt heißt es, dass "die Abwanderung vor allem junger Menschen gedämpft und Ortsidentität neugeschaffen" werden konnten.
|
||||||
|
Cathy Cramer Quelle: Soziale Stadt - info 5, Der Newsletter zum Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, Deutsches Institut für Urbanistik (Difu), Berlin, 2001 |
||||||