Hannover Vahrenheide-Ost |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Heiko Geiling |
Für das Modellgebiet Hannover-Vahrenheide gilt die Besonderheit, dass es kein Gebiet des Programms »Soziale Stadt« ist. Vahrenheide-Ost wurde bereits 1997, auf der Grundlage des »Aktionsprogramms Integrierte Sanierung Vahrenheide-Ost« in das Städtebauförderprogramm des Landes Niedersachsen aufgenommen. Dieses gemeinsam von der Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover mbH (GBH) und der Stadt Hannover (Stadtplanungsamt) erarbeitete Sanierungskonzept bildete aufgrund seines neuartigen, integrierten Charakters den Hintergrund, Vahrenheide-Ost als Modellgebiet für Niedersachsen auszuwählen. Den Anlass für die Sanierung stellten dabei nicht primär baulich-städtebauliche Defizite dar, sondern »Problemlagen, die sich aus der benachteiligten Situation der Bevölkerung im Gebiet ergeben« (Sachstandsbericht 2000, S. 11).
Das Modellgebiet umfasst entsprechend der rechtlichen Vorgaben des Landes lediglich das förmlich festgelegte Sanierungsgebiet. Diese Einschränkung wird hier zugunsten einer Darstellung des gesamten Stadtteils Vahrenheide aufgehoben, um die tatsächlichen Vernetzungen und Nutzungszusammenhänge zu verdeutlichen.
Vahrenheide liegt an der nördlichen Grenze der Landeshauptstadt Hannover rund vier Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum entfernt. Durch eine Straßenbahnlinie ist der Stadtteil verkehrstechnisch gut angebunden. Von den umliegenden Stadtvierteln wird Vahrenheide durch den Mittellandkanal im Süden, eine Autobahn im Norden und stark befahrene Straßen im Osten und Westen getrennt.
Der Stadtteil entstand in der Zeit von 1955 bis 1974 als erste niedersächsische Großwohnsiedlung am Stadtrand. Das reine Wohngebiet ist städtebaulich dreigeteilt. Drei- oder viergeschossige Zeilenbauten mit rund 2 280 Wohnungen nehmen die weitaus größte Fläche ein. In Vahrenheide-West dominiert ein ausgedehntes Einfamilien-Reihenhausgebiet, und lediglich Vahrenheide-Süd-Ost wird von konzentrierter Hochhausbebauung (ca. 600 Wohnungen) mit bis zu 18 Stockwerken geprägt. Da die Bebauung des Stadtteils nicht so weit ausgedehnt wurde, wie ursprünglich vorgesehen war, liegt der als Stadtteilzentrum konzipierte Vahrenheider Markt am Rand des Wohngebiets.
![]() |
| Ansicht des südöstlichen
Bereichs von Vahrenheide, im Vordergrund 60er-Jahre-Zeilenbauten, dahinter
der Hochhauskomplex Klingenthal (Bildquelle: Franz Fender) |
Vahrenheide hatte von Beginn an durch große Kapazitäten an öffentlich finanzierten bzw. subventionierten Wohnungsbeständen die Funktion, Personen bzw. Familien, die nicht aus eigener Kraft die üblichen Mieten finanzieren konnten, mit Wohnraum zu versorgen. Solche öffentlichen Belegrechtswohnungen werden vom Wohnungsamt vergeben, seit kurzem auch direkt von der kommunalen Wohnungsgesellschaft GBH. Da der Anteil an Belegrechtswohnungen im Sanierungsgebiet mit 87 Prozent fast doppelt so hoch ist wie in vergleichbaren hannoverschen Stadtteilen, kam es zu einer starken räumlichen Konzentration sozial benachteiligter Milieus.
![]() |
Stadtteilgrenzen mit Darstellung des Sanierungsgebietszuschnittes (Bildquelle: agis, Hannover) |
Eine pauschale Charakterisierung als Armutsstadtteil wird der spezifischen Situation jedoch nicht gerecht, obwohl mindestens die Hälfte der EinwohnerInnen in Verhältnissen unterhalb oder nahe der Armutsgrenze leben. Denn trotz dieser schwierigen Lebensumstände bestreiten zwei Drittel der VahrenheiderInnen ihren Alltag unabhängig von staatlichen Transferleistungen. Etwa 20 Prozent leben in relativer materieller Sicherheit (u.a. Wohneigentum), ca. 50 Prozent leben in bescheidenen Soziallagen, wirtschaften aber unabhängig, und etwa 30 Prozent leben mit Sozialhilfe oder Arbeitslosenunterstützung, davon ca. acht Prozent in extremer Unterprivilegierung. Von extremer Unterprivilegierung, das heißt einer Lebenslage, bei der neben die materiellen Schwierigkeiten und Erwerbslosigkeit psychosoziale Problematiken treten (Suchtkrankheiten, zeitweise Nichtsesshaftigkeit, soziale Isolation u.a.), sind vor allem deutsche BewohnerInnen betroffen. Personen mit Migrationshintergrund beziehen zwar mit annähernd 50 Prozent häufiger staatliche Transferleistungen als Deutsche, werden von dieser Gruppe jedoch noch unterschichtet.
Die spezifische Altersstruktur trägt zu dem geringen Erwerbspotenzial bei. In Vahrenheide leben überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche. Dem gesamtgesellschaftlichen Trend entsprechend, ist auch der SeniorInnenanteil relativ hoch. Somit ist lediglich die Hälfte der BewohnerInnen im erwerbsfähigen Alter, von denen wiederum ein überdurchschnittlich großer Teil arbeitslos ist, wegen der Beanspruchung durch Kinderversorgung keiner Erwerbstätigkeit nachgehen kann bzw. von Sozialhilfe lebt. Verjüngt wird die Altersstruktur insbesondere durch den großen Anteil von MigrantInnen.
Eine differenzierte Betrachtung der Fluktuation im Gebiet zeigt, dass die türkische Bevölkerung, die den weitaus größten Anteil von MigrantInnen im Stadtteil stellt, gegenüber der Gesamtbevölkerung eine höhere Wohndauer aufweist. In Vahrenheide-Ost lag der Anteil der Gesamtbevölkerung mit einer Wohndauer von über fünf Jahren bei 34 Prozent, bei der türkischen Bevölkerung bei 46 Prozent (vgl. Janßen 2001). MigrantInnen gehören eher zu den relativ stabilen Bevölkerungsgruppen im Stadtteil.
Das zentrale Problem in Vahrenheide ist die Armut und die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen bei vielen der BewohnerInnen. Verschärft wird diese Situation durch die starke räumliche Konzentration von benachteiligten und ethnischen Milieus in den sanierungsbedürftigen Wohnungsbeständen der GBH. Dies führt im Alltag zu stark überlasteten Nachbarschaften, alltagskulturellen Fremdheiten und Stigmatisierungen, die das Zusammenleben belasten.
Erschwert wird der soziale Zusammenhalt bereits durch die bauliche Monostruktur einer reinen Wohnsiedlung. Es existieren angesichts einer reinen Versorgungsökonomie kaum Beschäftigungsmöglichkeiten oder Anknüpfungspunkte in den Erwerbsbereich. Den Alltag prägt außerdem ein Missverhältnis zwischen Innen- und Außenräumen. Beengt sind sowohl die Wohnverhältnisse als auch die Situation in vielen sozialen Einrichtungen. Es fehlen milieuübergreifende Begegnungsmöglichkeiten in Form von Räumen und Strukturen, die Kontakte und soziale Beziehungen ermöglichen. Vor allem für kleinere Kinder fehlen Krabbelstuben, für die älteren Hortplätze, Treffmöglichkeiten sowie lokale Beschäftigungs- und Qualifizierungsangebote. Die gesundheitliche Versorgung ist minimal, und es gibt kaum öffentliche Orte, an denen die Vielzahl der ethnischen Gruppen (58 verschiedene Ethnien) ihre Alltagskultur leben können. Hinzu kommt das negative Image von Vahrenheide, sowohl in der Außenwahrnehmung wie auch innerhalb des Stadtteils, was die Identifikation der BewohnerInnen mit dem Stadtteil erschwert.
DEMOGRAPHISCHE UND SOZIALRÄUMLICHE MERKMALE
|
Vahrenheide-Ost (1) |
Stadtteil Vahrenheide |
Gesamtstadt Hannover |
|
|
Größe |
73 ha |
139,8 ha |
20 407 ha |
|
Einwohnerzahl (2001) |
7 535 |
9 319 |
505 648 |
|
Bevölkerungsverlust(1995–2000) |
9,9 % |
9,3 % |
1,8 % |
|
Durchschnittliche Haushaltsgröße |
nicht verfügbar |
nicht verfügbar |
nicht verfügbar |
|
Anzahl der Wohnungen (1999) |
3 300 |
4 662 |
281 787 |
|
Leerstand (2000) |
10,9 % (2) |
nicht verfügbar |
nicht verfügbar |
|
Anteil der Wohngeldempfänger (1995) |
13,6 % |
10,6 % |
5,7 % |
|
Arbeitslosenquote (2001) |
20,3 % |
18,6 % |
10,1 % |
|
Anteil der Sozialhilfeempfänger (2001) |
20,7 % |
17,6 % |
7,3 % |
|
Anteil ausländische Bevölkerung (2001) |
33,9 % |
30,9 % |
15,0 % |
|
Anteil der bis 18-Jährigen (2001) |
23,4 % |
21,5 % |
15,3 % |
|
Anteil der 65-Jährigen und älter (2001) |
24,3 % |
26,1 % |
25,0 % |
|
(1) Der Sanierungsgebietszuschnitt umfasst den
Ostteil des Stadtteils, ausgenommen drei Einfamilienhaus-Gebiete
und einige nördlich gelegene Wohnblöcke in Privatbesitz. |
|||
Politisch repräsentiert wird nur ein geringer Teil der Stadtteilbevölkerung; z.B. waren bei der Bundestagswahl 1998 lediglich 57 Prozent der BewohnerInnen wahlberechtigt. Von ihrem Wahlrecht machten 73 Prozent Gebrauch, im eigentlichen Sanierungsgebiet lediglich 66 Prozent. Weniger als die Hälfte (41 Prozent) haben somit auf die politische Vertretung Einfluss genommen.
Wichtige Entwicklungspotenziale, die langfristig den Armutstendenzen entgegenwirken können, liegen im Bereich der frühkindlichen Betreuung und der schulischen Bildung. Aufgrund des erheblichen Problemdrucks schon seit vielen Jahren sind die zentralen Kindertagesstätten wie auch die Integrierte Gesamtschule Vahrenheide-Sahlkamp und das Gymnasium Ganztagseinrichtungen. Diese Einrichtungen praktizieren neuartige und engagierte Konzepte, die an den spezifischen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientiert sind (z.B. nach Bewegung oder verlässlichen Bezugspersonen). Trotz zusätzlicher Erziehungs- und Betreuungsaufgaben und schlechter räumlicher und materieller Ausstattung leisten z.B. die Schulen eine solide Bildungsarbeit.
![]() |
Teilansicht des Vahrenheider
Marktes mit Litfasssäule des »Kulturtreffs« und
Sandsteinstelen einer Kreativaktion des Kulturtreffs (Bildquelle: agis, Hannover) |
Unterstützungen für den sozialen Zusammenhalt bieten auch viele der sozialen Einrichtungen in Vahrenheide. Sie verfügen über langjährige Erfahrungen in der Integration unterprivilegierter Gruppen sowie von MigrantInnen, so z.B. die Nachbarschaftsinitiative e.V., der Spielpark und die Gemeinwesenarbeit. Bei entsprechender Sensibilisierung für diese Problematik und einer verstärkten Öffnung für die Lebensweisen der Jüngeren im Stadtteil könnten auch die traditionellen Sport- und Kulturvereine des Stadtteils dazu beitragen, Distanzen zu überbrücken. In den aus ethnischen Bindungen hervorgegangen Migrantenvereinen (z.B. der Demokratische Kulturverein e.V.) bestehen bereits nachbarschaftliche Netzwerke.
Die kommunale Wohnungsgesellschaft GBH kann durch ihre zentrale Stellung im Stadtteil ebenfalls Entwicklungspotenziale für den Stadtteil bieten. Mittlerweile wurde eine GBH-Geschäftsstelle vor Ort eingerichtet, wodurch die alltägliche Arbeit stärker bewohnerorientiert geworden ist. Außerdem fördert und finanziert die Wohnungsgesellschaft seit einigen Jahren verstärkt Projekte im Bereich der sozialen Arbeit und der Beschäftigung.
Ziel der Sanierung von Vahrenheide-Ost ist eine soziale Stabilisierung des Stadtteils und die Verbesserung der Lebensbedingungen seiner BewohnerInnen (vgl. Wohnungspolitische Leitlinien). Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine Verbesserung ihrer Einkommens-, Einfluss- und Erfahrungschancen. Konkretisiert werden diese Ziele im »Aktionsprogramm Integrierte Sanierung Vahrenheide-Ost« (1997). Davon ausgehend wurden fünf Handlungsschwerpunkte entwickelt und bisher in unterschiedlichem Umfang konkretisiert.
In Hannover ist die lokale »Wohnungspolitik« eng verzahnt mit einem gesamtstädtischen Zielkonzept gegen zunehmende sozialräumliche Segregation (»Aktionsprogramm Wohnen in Hannover«). Priorität in Vahrenheide haben die Veränderung der einseitigen Zusammensetzung der Wohnbevölkerung (soziale Entflechtung) und die Entwicklung tragfähiger Nachbarschaften. Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine Öffnung des Wohnungsangebotes für andere soziale Milieus. Konkret werden bei ca. 70 Prozent der GBH-Wohnungen die Belegrechte zeitlich befristet ausgesetzt und die Wohnungsvergabe an die GBH-Geschäftsstelle im Stadtteil delegiert (vorher Wohnungsamt); 1999 wurden ca. 800 Wohnungen, vor allem in den Hochhäusern, und 2001 ca. 1 000 weitere Wohnungen von rechtlichen Bindungen freigestellt (§ 7 WoBindG). Ein weiteres Instrument ist die Privatisierung: 36 Wohneinheiten im Hochhausbereich wurden im Jahr 2000 an eine neu gegründete Wohnungsgenossenschaft verkauft (VASA), und 2001 folgten weitere 42 Wohnungen aus den 60er-Jahre-Beständen. 136 Wohnungen in einem bis zu neungeschossigen »Terrassenhaus« sollen außerdem an MieterInnen oder SelbstnutzerInnen veräußert werden.
Das zentrale Handlungsfeld ist die städtebauliche Sanierung, vor allem in Form einer Aufwertung der besonders vernachlässigten Teile des Wohnungsbestandes und der Geschäftszentren. Für diese Aktivitäten ist der überwiegende Teil der zur Verfügung stehenden Sanierungsmittel eingeplant. Als übergeordnetes Ziel wird eine stärkere Nutzungsmischung zwischen Wohnen und Arbeiten angestrebt. Eine stärkere Nutzungsmischung soll erreicht werden durch die Umnutzungen bestehender Wohnungen für soziale und gewerbliche Zwecke bzw. für Einrichtungen der BewohnerInnen sowie durch die Ansiedlung von nicht störendem Gewerbe. Durch die Umgestaltung des Wohnumfeldes sollen außerdem bessere Aneignungsmöglichkeiten eröffnet werden. Das erhebliche Arbeitsvolumen für die genannten Sanierungsmaßnahmen soll für die BewohnerInnen zumindest befristete Beschäftigungsangebote eröffnen bzw. Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten bieten.
Für das Handlungsfeld »Soziale und kulturelle Infrastruktur« sollen die bestehenden, zum Teil überlasteten Angebote stabilisiert und um neue Angebote ergänzt werden. Eine wichtige Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche, für die zusätzliche »Treffsituationen« sowie Qualifizierungs- und Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen werden sollen. Milieuübergreifende Aktivitäten sollen unter anderem durch die räumliche Verlagerung und den Ausbau eines bereits bestehenden Kulturtreffs verbessert werden. Notwendige Maßnahmen wurden in Form eines »Runden Tisches«, zu dem alle im Stadtteil tätigen sozialen und kulturellen Einrichtungen, Träger und Initiativen eingeladen wurden, erörtert und durch eine Befragung erhoben. Geplant ist, durch einen gemeinsamen Kooperationsprozess ein soziales Handlungsprogramm zu entwickeln.
![]() |
Werbeplakat für das Stadtteilfest 2001 (Bildquelle: agis, Hannover) |
Ausgeführt wird für das Handlungsfeld »Partizipation und Aktivierung zur Eigeninitiative und Selbstorganisation«, dass nur durch eine verstärkte gesellschaftliche und politische Teilhabe der BewohnerInnen die zentralen Sanierungsziele erreicht werden können. Dies soll auf drei unterschiedlichen Handlungsebenen erreicht werden: Eine intensive Öffentlichkeitsarbeit soll die BewohnerInnen über Sanierungsvorhaben, Teilhabemöglichkeiten und Handlungschancen informieren; Möglichkeiten zur Partizipation an lokalen Planungs- und Entscheidungsprozessen sollen geschaffen und gestärkt und als wichtigstes Element nachbarschaftliche Kommunikation, Selbsthilfe und Selbstorganisation gefördert werden.
Als Ziel für das Handlungsfeld »Lokale Ökonomie« gilt die Schaffung von befristeten und dauerhaft im Wohnquartier verankerten Beschäftigungsmöglichkeiten. Für die Umsetzung dieser schwierigen Aufgabe in einem reinen Wohngebiet werden insbesondere drei Anknüpfungspunkte genannt: das angrenzende Gewerbegebiet, die beiden Geschäftszentren sowie das Wohnungsbauunternehmen GBH als größter Eigentümer und Investor im Stadtteil.
Insbesondere die umfangreichen Investitionen in den Gebäudebestand und in das Wohnumfeld sollen für Arbeits- und Ausbildungsangebote im Stadtteil genutzt werden. Die Schaffung eines lokalen Beschäftigungsträgers soll die Aktivitäten in diesem Handlungsfeld ergänzen und koordinieren sowie informelle Ansätze der Selbsthilfe und der nachbarschaftlichen Unterstützung fördern.
![]() |
Kindertagesstätte Emmy-Lanzke-Haus der AWO: Für einen Hort- oder Kindergartenplatz gibt es lange Wartelisten. (Bildquelle: agis, Hannover) |
Der »Sachbericht September 2001« listet 35 verschiedene Projekte sowie fünf Maßnahmen zur Bürgerbeteiligung auf, die seit Beginn der eigentlichen Arbeit im Sanierungsgebiet (Sommer 1999) entwickelt wurden. Die Projekte und Maßnahmen haben sehr unterschiedliche Wirkungsradien, Laufzeiten und Finanzvolumina. Hervorgehoben werden Projekte die aufgrund ihrer strategischen Bedeutung für das Erreichen der Sanierungsziele und der dabei eingesetzten Finanzmittel eine zentrale Bedeutung haben.
![]() |
| Ansicht von Teilen des Hochhauskomplexes
Klingenthal, die im Zuge der Sanierung rückgebaut werden sollen (Bildquelle: Sanierungszeitung Nr. 15, 7. 6. 2001) |
|
Sanierte Fassade im 60er-Jahre-Wohnungsbestand, ein typischer Zeilenbau der
GBH (Bildquelle: agis, Hannover) |
![]() |
Neu eingerichtete Pförtnerloge in einem Hochhaus des Klingenthal-Komplexes
zur Steigerung der Attraktivität des Eingangsbereiches und
des Sicherheitsgefühls der BewohnerInnen (Bildquelle: agis, Hannover) |
Das neuartige, integrierte Sanierungskonzept für Vahrenheide-Ost ruht organisatorisch auf einer über nahezu 30 Jahre gewachsenen Zusammenarbeit zwischen der Stadt Hannover (Stadtplanungsamt) – in ihrer Rolle als Sanierungsträger – und der kommunalen Gesellschaft für Bauen und Wohnen (GBH). Sanierung bedeutete und bedeutet auch in Vahrenheide vor allem Stadtteilerneuerung mit Wohnungsbauund Städtebauförderungsmitteln. Aus dieser Tradition städtischer Sanierungsprozesse stammen zwei bewährte Instrumente:
Für die erstmalige Sanierung eines so genannten »sozialen Brennpunktes« mit Hilfe eines integrierten Handlungsprogramms wurden aber auch neue Organisations- und Managementformen erforderlich.
![]() |
In einer Anfang der 90er-Jahre umgebauten und umgenutzten ehemaligen
Hochgarage befindet sich in der unteren Etage das Sanierungsbüro.
Darüber liegen die Räume der Gemeinwesenarbeit und eine
Geschäftsstelle der Wohnungsgesellschaft GBH. (Bildquelle: agis, Hannover) |
![]() |
Gründungsversammlung des Bürgerforums im Juni 1998 (Bildquelle: Thomas Oberdorfer, Hannover) |
![]() |
Derzeit beteiligte Akteure der Integrierten Sanierung Vahrenheide-Ost und der Programms Soziale Stadt |
Neu sind auf der Ebene der gesamtstädtischen Verwaltung die Steuerungsgruppe »Soziale Stadt« und die Koordinierungsrunde »Soziale Stadt«. Der Steuerungsgruppe gehören die jeweils zuständigen Dezernenten und Amtsleiter an, die auch die zentralen Entscheidungen treffen und Rahmenbedingungen festlegen. Die Koordinierungsrunde ist das organisatorische Zentrum des Programms »Soziale Stadt« und wird von einem Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes koordiniert. Diese Runde ist die Schnittstelle zwischen den jeweils intern verantwortlichen MitarbeiterInnen der Verwaltung und den »vor Ort« Tätigen. Sie sind zuständig für die Vorbereitung und Durchführung von Maßnahmen, koordinieren gebietsübergreifende Projekte, tauschen Informationen aus, diskutieren Konzepte und lösen Probleme auf dem »kleinen Dienstweg«. Die neuen, ressortübergreifenden »Runden« durchbrechen das Muster der vertikalen Trennung zwischen den verschiedenen Ämtern, wobei die Hierarchie der Entscheidungen jedoch unangetastet bleibt.
Für den Sanierungsprozess maßgeblich sind die direkt im Stadtteil neu geschaffenen Organisationen: die Sanierungskommission, das Sanierungsbüro, das Bürgerforum und die Anwaltsplanung. Die Vernetzung zu den BewohnerInnen und ihren Interessen bzw. Anliegen soll vor allem das Bürgerforum ermöglichen und durch die Anwaltsplanung unterstützt werden. Ein die einzelnen Organisationen im Stadtteil übergreifendes Gremium existiert bisher nicht.
6. |
Aktivierung und Beteiligung der Quartiersbevölkerung/
Stadtteilakteure
|
Die Auswahl von Vahrenheide als Sanierungsgebiet und Modellstadtteil erfolgte wegen des überdurchschnittlichen Anteils räumlich konzentrierter BewohnerInnen in schwierigen Lebensumständen (Armut, Arbeitslosigkeit, Zuwanderung, Kinderreichtum). Ihre sozialen Lebenslagen nachhaltig zu verbessern, ist ohne eine erweiterte Teilhabe nicht vorstellbar. Insbesondere benachteiligte Bewohner als Mitwirkende gegenüber professionellen Akteuren der Stadtverwaltung, der Wohnungswirtschaft und der sozialen Arbeit so weit zu stärken, dass Beteiligung zustande kommen kann, ist ein schwieriger, langwieriger Lernprozess. Gerade die gesetzlichen Verfahren und auch viele Instrumente der Bürgerbeteiligung begünstigen gebildete, gut organisierte bzw. durchsetzungsfähige Bewohner(gruppen) und lokale Akteure. Damit die Interessen der sozial benachteiligten Quartiersbevölkerung nicht an den Rand gedrängt werden, bedarf es speziell auf diese Milieus zugeschnittener Methoden der Aktivierung und Teilhabe.
Seit den 80er-Jahren werden vermehrt Aktivierungstechniken wie aufsuchende Stadtteilsozialarbeit (Kirchen, Gemeinwesenarbeit, Kommunaler Sozialdienst, Streetwork), Vernetzungstreffen und zielgruppenspezifische Angebote (offene Jugend- bzw. Bewohnertreffs) in Vahrenheide praktiziert. In Planungen und Wohnumfeldverbesserungen (z.B. Projekt »Grüne Boten«) konnten BewohnerInnen vor allem dann eingebunden werden, wenn sie als direkt Betroffene durch Handzettel in ihren Briefkästen oder durch Klingeln an der Tür angesprochen wurden, Treffen möglichst im Haus oder direkt davor stattfanden und konkret greifbare oder sichtbare Vorschläge zur Auswahl standen. Seit dem Beginn der Sanierung werden die zuletzt genannten niedrig schwelligen Aktivierungstechniken vor allem bei den Wohnungsmodernisierungen und bei Wohnumfeldverbesserungen eingesetzt.
Den Beginn der Sanierung markierte eine Stadtteilkonferenz, die von den zentralen Sanierungsakteuren initiiert und durchgeführt wurde. Dem folgte die Eröffnung eines Sanierungsbüros im Stadtteil, und die neu besetzte Sanierungskommission trat zusammen. BewohnerInnen oder Interessengruppen, die zu Themen der Kommissionsarbeit Wortbeiträge oder Anfragen vorbringen wollen, müssen sich jedoch den formalisierten Umgangsformen der Geschäftsund Tagesordnung unterwerfen.
Schon bald zeigte sich, dass das neu eingerichtete Bürgerforum aufgrund von zu wenigen Aktiven mit der inhaltlichen und organisatorischen Arbeit eines solchen Forums überlastet war. Einen erheblichen Teil der notwendigen Vorbereitungsarbeiten übernahm daraufhin das Sanierungsbüro. Nicht übernehmen konnte das Sanierungsbüro die erforderliche Funktion eines unterstützenden Anwalts für das Bürgerforum. Die Teilnahme am Bürgerforum gestaltete sich wie üblich sozial stark selektiv. Weder die verschiedenen Einwanderergruppen noch benachteiligte deutsche Milieus oder jüngere BewohnerInnen sind maßgeblich vertreten. Eine größere Bereitschaft zum Engagement im Bürgerforum erwarten die Verantwortlichen durch eine derzeit geplante Erhöhung der Mittel für den Quartiersfonds, über deren Verteilung das Bürgerforum mitentscheidet. Zur weiteren Verbesserung der Situation werden folgende Maßnahmen der Beteiligung praktiziert oder sind in der Planung.
Die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit organisiert und finanziert die Stadt Hannover als Sanierungsträger gemeinsam mit dem Sanierungsbüro und dafür beauftragten Journalisten. Alle Haushalte erhalten in zweimonatlichem Abstand die »Sanierungszeitung Vahrenheide-Ost«. Informiert wird über zentrale Sanierungsaktivitäten, Termine und Veranstaltungen sowie über Aktivitäten von BewohnerInnen, Initiativen und lokalen Einrichtungen. Wie die Sanierungszeitung erscheinen auch Handzettel und Plakate in deutscher Sprache mit Zusammenfassungen auf türkisch und russisch.
Die Sanierung des Stadtteils Vahrenheide stützt sich auf ein anspruchsvolles, integriertes Konzept. Trotz vielfältiger Aktivitäten und engagierter Projekte auf der lokalen Ebene muss eingestanden werden, dass die angestrebten Ziele, z.B. die Veränderung der einseitigen Zusammensetzung der Wohnbevölkerung durch »Entflechtungsmaßnahmen«, nur in einem langfristigen Prozess zu erreichen sind. Die Privatisierung von Wohnungen in einem nennenswerten Umfang realisiert sich bisher lediglich in gemeinschaftlicher Form, durch den Verkauf einzelner Häuser an eine aus dem Stadtteil heraus entstandene Genossenschaft (VASA). Die Privatisierung durch den Verkauf an Selbstnutzer oder Mieter erweist sich als schwierig. Dadurch fehlen jedoch Finanzmittel für den Ankauf von Belegrechten in anderen Stadtteilen und somit eine wichtige Voraussetzung für die »Entflechtung«.
Es zeigt sich derzeit, dass die zur Verfügung stehenden Sanierungsmittel von 30 Mio. DM angesichts viel zu geringer Investitionen über Jahrzehnte und der besonderen Problemlagen in Vahrenheide nicht ausreichen. Für Stadtteilsanierungen in Hannover standen in der Vergangenheit etwa 200 Mio. DM zur Verfügung. Die nun in Vahrenheide eingesetzten Mittel ermöglichen lediglich einen nachholenden Ausgleich der gravierendsten Missstände. Eine Aufwertung des Wohnungsangebotes oder gar des Stadtteils insgesamt für »andere Bewohnergruppen« ist in diesem Rahmen kaum zu realisieren, zumal der Abriss von Teilen des Hochhauskomplexes einen erheblichen Teil der Sanierungsmittel bindet und die Investitionsmöglichkeiten der GBH zusätzlich einschränkt.
Die langjährigen Erfahrungen und das Engagement besonders für benachteiligte Bewohnergruppen wurden seit dem Beginn der Sanierung insbesondere für neue Projekte im Bereich der Beschäftigung und der Qualifizierung gebündelt und weiterentwickelt. Dieser Bereich soll durch ein derzeit geplantes Büro für Arbeit und lokale Ökonomie weiter ausgebaut werden. Zur sozialen Stabilisierung tragen außerdem mehrere durch die Sanierung unterstützte bzw. initiierte selbstorganisierte Bewohnervereine bei. Als problematisch für diese wichtigen Projekte erweist es sich, dass aufgrund befristeter Fördermöglichkeiten keine kontinuierlichen Perspektiven entstehen. Dies gilt auch für das Schlüsselprojekt des selbstorganisierten Bewohnerzentrums.
Um eine effektive Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft,
lokalen Einrichtungen und BewohnerInnen zu ermöglichen (im Sinne
von Koproduzenten), müssen stärker als bisher deren unterschiedliche
Mentalitäten, Zeitrhythmen, Durchsetzungsfähigkeiten und Prioritäten
berücksichtigt werden. Dazu ist eine ausgleichend wirkende, unabhängige
Moderation und eine effektivere Unterstützung der BewohnerInnen
notwendig. Als hinderlich für die Kooperation im Stadtteil haben
sich in Vahrenheide die getrennt voneinander tätigen Gremien der
Interessenartikulation und der Entscheidungsfindung erwiesen: Sanierungskommission
(lokale Politik), Bürgerforum (BewohnerInnen), Sanierungsbüro
(Verwaltung, Wohnungswirtschaft, unabhängiger Sanierungsbeauftragter),
Koordinationsrunde (Professionelle aus den lokalen Einrichtungen). Aufgrund
dieser Situation hat das hannoversche Team der Programmbegleitung ein
übergreifendes Stadtteilforum angeregt. Über eine Neugestaltung
der lokalen Gremien soll eine Stadtteilkonferenz im Frühjahr beraten.
Literatur
Aktionsprogramm
integrierte Sanierung Vahrenheide-Ost (= Landeshauptstadt Hannover/GBH Bauen
+ Wohnen, Aktionsprogramm integrierte Sanierung Vahrenheide-Ost - Ansätze
für eine soziale Stadterneuerungspolitik, Hannover 1997)
Aktionsprogramm
Wohnen in Hannover (= Landeshauptstadt Hannover, Beschlussdrucksache Nr. 2569/99).
Janßen, Andrea, Segregation der türkischen Bevölkerung in Deutschland
am Beispiel der Stadt Hannover, unveröffentl. Diplomarbeit an der Universität
Oldenburg, 2001.
Leitfaden Vahrenheide
(= AG Leitfaden (Hrsg.): Leitfaden Vahrenheide. Kultur, Freizeit, Beratung im
Überblick, Hannover 2001).
Sachbericht September
2001 (= Landeshauptstadt Hannover, Stadtplanungsamt (Hrsg.), Sachbericht: Integrierte
Sanierung Vahrenheide-Ost, September 2001).
Sachstandsbericht 2000 (= Sanierungsbüro Vahrenheide-Ost (Hrsg.), Integrierte Sanierung Vahrenheide-Ost, Sachstandsbericht Mai 2000, Hannover 2000).
Wohnungspolitische
Leitlinien (= Landeshauptstadt Hannover, Beschlussdrucksache Nr. 2345/98. Wohnungspolitische
Leitlinien. Sanierungsgebiet Vahrenheide-Ost).
Quelle: Die Soziale Stadt - Eine erste Bilanz des Bund-Länder-Programms Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt, im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen herausgegeben vom Deutschen Institut für Urbanistik, Berlin, 2002