Kassel Nordstadt |
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Christine Mussel |
Das Modellgebiet »Kassel-Nordstadt« entspricht dem Typus eines hoch verdichteten, einwohnerstarken Stadtteils im städtischen Raum, der im Hinblick auf seine Sozialstruktur, den baulichen Bestand, das Arbeitsplatzangebot, das Ausbildungsniveau, die Ausstattung mit sozialer und stadtteilkultureller Infrastruktur sowie die Qualität der Wohnungen, des Wohnumfelds und der Umwelt erhebliche Defizite aufweist. Durch selektive Wanderungsprozesse und Desinvestitionen droht dieser Stadtteil ins soziale Abseits zu geraten.
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Kassel-Nordstadt (Bildquelle: Kommunale Arbeitsförderung, Stadt Kassel) |
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Der Stadtteil Kassel-Nordstadt entstand während der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts als Industriestandort mit Arbeiterwohnquartieren. Für die steigende Zahl der Industriearbeiterinnen und -arbeiter, z.B. der Henschelwerke, entstanden in den folgenden Jahrzehnten Siedlungen, werkseigene Wohlfahrts- und Bildungseinrichtungen. Die Bombardierung der Rüstungsstadt Kassel 1943 zerstörte neben der Altstadt auch einen großen Teil der Nordstadt. Der Wiederaufbau ab 1945 beschränkte sich im Stadtteil vor allem auf Gewerbe- und Industriebetriebe. Da nur wenige neue Wohnsiedlungen entstanden, waren die Einwohnerzahlen des Stadtteils in den 50er- und 60er-Jahren rückläufig. Der wirtschaftsstrukturelle Wandel löste in den 60er-Jahren eine Welle von Betriebsschließungen und Desinvestitionen aus, innerstädtische Brachen waren die Folge. Der Verkauf ehemaliger Werkswohnungen zog Spekulationen nach sich, und es entstanden soziale Brennpunkte. Die Nordstadt wurde zum Zuzugsgebiet von Migrantinnen und Migranten, sodass der Stadtteil heute absolut und relativ den höchsten Ausländeranteil Kassels aufweist. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen nahm entsprechend überproportional zu. Segregationsprozesse führten zu einem negativen Image des Stadtteils. |
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Stadtteil Nordstadt innerhalb des Stadtgebiets Kassel (Bildquelle: Kommunale Arbeitsförderung, Stadt Kassel) |
Die Bausubstanz des Quartiers stammt aus unterschiedlichen Entstehungszeiten. Neben gründerzeitlicher Blockrandbebauung gibt es Sozialwohnungen und Siedlungen aus den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts sowie der Nachkriegszeit. Die Bausubstanz ist in weiten Teilen instandsetzungs- und sanierungsbedürftig. Die meist größeren ausländischen Familien wohnen häufig beengt in zu kleinen Wohnungen. Die mangelhafte Ausstattung mit Freiflächen und das Fehlen von Sport- und Spielplätzen verschärfen die Situation.
Zwar führte der Ausbau der Universität Kassel auf dem Gelände der ehemaligen Henschelwerke seit 1978 zu einer langsamen Stabilisierung des umliegenden Gebiets, ohne dass es zu den anfangs befürchteten Verdrängungsprozessen kam. Die neu entstandenen Kopier-, Computer-, Buch- und Lebensmittelläden, Cafés und Kneipen und der Zuzug von Studierenden belebten den Stadtteil. Allerdings beschränkten sich die Entwicklungsimpulse kleinräumig auf den vorderen, südlichen Teil der Nordstadt und auf ein ausgewähltes Segment auf dem Arbeitsmarkt. Für die un- und angelernten Arbeiterinnen und Arbeiter der Nordstadt brachte die Ansiedlung der Universität hingegen kaum Arbeitsplätze.
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Blick auf die Nordstadt (Bildquelle: Stadtteilzeitung NORDWIND) |
Der Stadtteil weist eine soziale, städtebauliche und ökonomische Problemverschränkung auf, die für Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf typisch ist. Obwohl die Probleme gravierend sind, bergen sie zum Teil auch Entwicklungspotenziale, die jedoch zu ihrer Entfaltung der Intervention von außen bedürfen.
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Betriebe von Migrantinnen und Migranten als Entwicklungspotenziale (Bildquelle: Arbeitsgruppe Dialogische Planung, Universität Kassel) |
In mehreren Quartieren der Kasseler Nordstadt konzentrieren sich Migrantenhaushalte, Arbeitslose, Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen und Ausbildungen sowie Haushalte, die auf staatliche Transfereinkommen angewiesen sind. Die registrierte Jugendkriminalität ist hier überdurchschnittlich hoch. Selektive Umzugsbewegungen verstärken die einseitige Sozialstruktur. Diese Entwicklung ist zum Teil durch eine ungünstige Wohnungsstruktur und die mangelhaften Umweltbedingungen mitbedingt, sie resultiert jedoch im Wesentlichen aus dem gesamtgesellschaftlichen Strukturwandel. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die »Kultur der Abhängigkeit« zu durchbrechen und insbesondere die Chancen der Kinder und Jugendlichen in diesen Quartieren zu verbessern.
Das dichte Nebeneinander von mit Freiräumen unterversorgten Wohnquartieren und untergenutzten gewerblichen Flächen sowie das Fehlen stadträumlicher Qualitäten, besonders entlang von Verkehrsachsen mit starker Trennwirkung, verstärken die soziale Deklassierung der hier lebenden Menschen. Diese seit Jahren benannte städtebauliche Problematik erfordert entsprechende Eingriffe zur Verbesserung der Lebensqualitäten im Stadtteil und zur Minderung der Deklassierung.
Wo der öffentliche Raum Anzeichen von Verwahrlosung aufweist, verbreiten sich im Stadtteil Gefühle der Unsicherheit und Bedrohung. Aus Verwahrlosung im Wohnumfeld und auf Spiel- und Freizeitflächen können jedoch - wie bereits Beispiele zeigen - Bewohneraktivitäten als Potenzial für Mitwirkung und Selbstorganisation erwachsen, wenn dies durch Wohnungsbauträger und andere Akteure unterstützt wird.
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Ausfallstraße B7 mit hoher Trennwirkung (Bildquelle: Arbeitsgruppe Dialogische Planung, Universität Kassel) |
Industriebrachen im Stadtteil bilden einerseits ein städtebauliches und ökonomisches Problem. Doch stehen dem Stadtteil hier zugleich interessante Konversionsflächen zur Verbesserung des gewerblichen Flächenangebots oder für andere neue Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung.
DEMOGRAPHISCHE UND SOZIALRÄUMLICHE MERKMALE
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Nordstadt |
Kassel |
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Größe |
352 ha |
10 677 ha |
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Einwohnerzahl (2001) |
14 250 |
194 766 |
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Bevölkerungsverlust (2000–2001) |
3,9 % |
0,7 % |
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Durchschnittliche Haushaltsgröße (1999) |
1,96 Pers. |
1,94 Pers. |
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Anzahl der Wohnungen (1999) |
7 722 |
100 510 |
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Leerstand |
nicht verfügbar |
nicht verfügbar |
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Anteil der Wohngeldempfänger |
nicht verfügbar |
nicht verfügbar |
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Arbeitslosenquote (2001) |
25,8 % |
14,0 % |
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Anteil der Sozialhilfeempfänger (2001) |
23,0 % |
9,9 % |
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Anteil der ausländischen Bevölkerung (2001) |
43,1 % |
13,7 % |
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Anteil der unter 18-Jährigen (2001) |
23,7 % |
19,0 % |
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Anteil der über 60-Jährigen (2001) |
15,9 % |
25,4 % |
Die zahlreichen Betriebe und Vereinsstrukturen der Migrantinnen und Migranten bieten bei entsprechender Förderung sozialökonomische und kulturelle Entwicklungspotenziale für den Stadtteil.
Schließlich bilden die im Rahmen des Integrierten Handlungskonzepts seit 1997 im Stadtteil aufgebauten Arbeits- und Vernetzungsstrukturen ein Sozialkapital, das zum jetzigen Zeitpunkt erst exemplarisch beschreibbar ist. Hierzu gehören die Universität, die vielfältigen kommunalen Dienstleistungsangebote im Philipp-Scheidemann-Haus, die Qualifikationsmöglichkeiten des Berufschulzentrums, die Angebote des Kulturzentrums Schlachthof e.V. und viele weitere Vereins- und Selbsthilfestrukturen. Das Stadtteilmanagement und der Runde Tisch »Nordstadt-Projekt« bieten eine Organisationsstruktur für bürgerschaftliche Mitwirkung und lokale Partnerschaften im Stadtteil. Es ist bereits jetzt sichtbar, dass Projekte, die im Rahmen des »Nordstadt-Projekts« initiiert werden, als Auslöser für längerfristige und selbstorganisierte Strukturen fungieren können.
Der Anstoß zu einem integrierten Handlungskonzept für die
Kasseler Nordstadt ging - anders als in vielen anderen Städten
- nicht von der Bauverwaltung, sondern vom Dezernat für Arbeitsförderung,
Frauen, Gesundheit und Soziales aus. Um der Häufung sozialer und
baulich-räumlicher Problemlagen in der Kasseler Nordstadt zu begegnen,
forderte die zuständige Dezernentin einen »Paradigmenwechsel
in der Stadtpolitik«: Eine amts- und dezernatsübergreifende
Arbeitsweise sollte Synergien bewirken, die Verwaltung sollte sich als
»Dienstleistungsbetrieb« begreifen. Die Einbeziehung aktiver
Bewohnerinnen und Bewohner sowie Kooperationspartner im Stadtteil sollte
direkt erlebbare Erfolge bewirken und soziale Ausgrenzungen rückgängig
machen. Ein wichtiger Begründungszusammenhang war auch der Anstieg
der gesetzlichen Pflichtausgaben der Stadt (1).
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Logo des Nordstadt-Projekts |
Die Handlungsfelder der sozial- und bewohnerorientierten Stadtteilentwicklung im Nordstadt-Projekt sind
Mit den folgenden Strategien sollen die Ziele in den genannten Handlungsfeldern erreicht werden:
Betrachtet man die Ergebnisse des Nordstadt-Projekts der letzten vier Jahre, so sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zusammen mit der Gruppe der Migrantinnen und Migranten die vorrangigen Zielgruppen eines Großteils der durchgeführten Projekte und Maßnahmen.
Ein weiterer Schwerpunkt sind Projekte und Maßnahmen im Handlungsfeld Stadtplanung/Wohnumfeldverbesserung zur Verbesserung der Lebensbedingungen in einzelnen Quartieren. Diese werden von der Quartiersbevölkerung unmittelbar wahrgenommen und bieten vielfältige Beteiligungs- und Aktivierungsmöglichkeiten.
Ein Großteil der Projekte in der Nordstadt zielt auf die Verbesserung der Situation des Stadtteils insgesamt, z.B. der Ausbau des Nordstadtparks, die Renaturierung der Ahna, Maßnahmen zu Beschäftigung und Qualifizierung sowie die Erstellung des »Entwicklungskonzepts Niedervellmarer Straße« zur Umnutzung eines Mischgebiets aus Gewerbeflächen und Wohnungen. Diese auf den gesamten Stadtteil ausgerichteten Projekte können dazu beitragen, die Attraktivität des Stadtteils insgesamt zu steigern.
Um eine grundlegende Verbesserung zu erreichen, bedarf es eines längeren Prozesses sowie einer Intensivierung der Arbeit im Handlungsfeld Wirtschaftsförderung, das bisher noch keinen Schwerpunkt im Nordstadtprojekt darstellte. Aus diesem Grund war die Förderung der Lokalen Ökonomie einer der Aktivitätsschwerpunkte der Programmbegleitung-vor-Ort. Im Anschluss an zwei Stadtteilgespräche und eine Themenkonferenz zu diesem Thema wurde im Jahr 2001 gemeinsam mit den wirtschaftsrelevanten Organisationen und Trägern ein Konzept für eine »Servicestelle für Beschäftigung und Wirtschaftsentwicklung« erarbeitet. Beim freien Träger »Kulturzentrum Schlachthof e.V.« wird derzeit mit Mitteln aus der EU-Gemeinschaftsinitiative URBAN II ein Projekt zur Betriebsberatung und Fortbildung entwickelt.
Aus der Vielzahl der Projekte, die in den letzten Jahren in der Kasseler Nordstadt auf den Weg gebracht wurden, soll ein zukunftsweisendes Beispiel für den integrierten Handlungsansatz und den Aufbau lokaler Partnerschaften vorgestellt werden: das Projekt »Stadtteiletage Nord«.
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Eröffnung des Mobilen Unterstands für Kinder
und Jugendliche (Bildquelle: Stadtteilzeitung NORDWIND, Kassel) |
Die »Stadtteiletage Nord« ist ein Gemeinschaftsprojekt städtischer Dezernate, Ämter und freier Träger. Das Projekt steht kurz vor dem Start. Ab Frühjahr 2002 werden das städtische Jugendamt, das »Kulturzentrum Schlachthof e.V.«, der Ausbildungsbetrieb »BuntStift e.V.« und der freie Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit »Internationaler Bund/IB Kassel« in der Stadtteiletage gemeinsam ein Freizeit-, Beratungs-, Qualifikations- und Bildungsangebot für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in den nördlichen Quartieren des Stadtteils anbieten. Die zweite Etage eines ehemaligen Geschäftshauses wird hierfür mit Mitteln aus dem Bund-Länder-Programm »Soziale Stadt« umgebaut und nach dem Umbau Gruppen- und Treffräume, einen EDV-Unterrichtsraum und den Trainingsbereich für das bereits erfolgreiche »Boxcamp« beherbergen. Soziale Dienstleistungen werden das Angebotsspektrum weiter ergänzen. Das städtische Jugendamt wird einen Teil seiner Dienste hierher verlagern.
Das städtische Jugendamt und die genannten freien Träger bilden eine Trägergemeinschaft, welche die Stadtteiletage organisieren, die Angebote planen und vernetzen soll. Die Finanzierung und Realisierung des Projekts war nur durch dezernats- und ämterübergreifendes Handeln und die Initiative der freien Träger möglich, mit denen die Stadt nun eng zusammenarbeitet.
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Box-Camp in der Stadtteiletage Nord (Bildquelle: Stadtteilzeitung NORDWIND, Kassel) |
An den Um- und Ausbaumaßnahmen beteiligen sich bereits bestehende Beschäftigungs- und Qualifizierungsinitiativen im Stadtteil (»Galama«, »Bunt-Stift« und »Jafka«). In dieser Phase ist die Zusammenarbeit mit dem Sozialamt der Stadt Kassel, der Kommunalen Arbeitsförderung gGmbH, dem Arbeitsamt sowie den Jugendberufshilfeträgern eng. Für 2001 bis 2006 erhält das Projekt eine weitere Finanzierung aus der EU-Gemeinschaftsinitiative URBAN II. Der Einsatz von Finanzmitteln aus dem Bund-Länder-Programm sowie aus URBAN II erfordert Abstimmung zwischen den Dezernaten für Stadtentwicklung und Bauen, Umwelt und Verkehr, dem Dezernat für Arbeitsförderung, Frauen, Soziales und Gesundheit und dem Dezernat für Recht und Ordnung, Jugend, Sport. Für die Angebotsplanung ab 2004 bilden die drei freien Träger einen Fonds, in dem sie gemeinsam finanzielle Rückstellungen leisten.
Das Projekt wurde nicht »am grünen Tisch« geplant, sondern ist ein Ergebnis der praktischen Arbeit innerhalb der in den letzten Jahren entwickelten Arbeitsund Vernetzungsstrukturen im Nordstadt-Projekt. Ein zweijähriger Vorlauf und eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, auch unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, waren nötig, um das Projekt zu entwickeln.
Die Träger mit ihren geplanten Angeboten in der »Stadtteiletage
Nord« im Einzelnen:
Stadt Kassel, Jugendamt:
Kulturzentrum Schlachthof:
BuntStift:
Internationaler Bund (IB):
Einen Überblick über alle im Rahmen des integrierten und
bewohnerorientierten Ansatzes in Angriff genommenen Projekte bietet
die Übersicht »Projekte und beteiligte Akteure im Nordstadt-Projekt«.
Das Stadtteilmanagement der Kommunalen Arbeitsförderung (Dezernat V)
ist an allen genannten Projekten beteiligt.
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Projekte und beteiligte Akteure im Nordstadt-Projekt |
Die Federführung für das Nordstadt-Projekt auf der Verwaltungsebene liegt beim Dezernat V (Arbeitsförderung, Frauen, Soziales und Gesundheit) der Stadt Kassel. Eine dezernatsübergreifende Steuerungsgruppe entscheidet über die Prioritäten der einzelnen Projekte anhand der jährlich fortgeschriebenen Zeit- und Mittelplanung. Eingebunden sind hier sämtliche Dezernate und, sofern in den Projekten vertreten, verschiedene Fachämter. Die Steuerungsgruppe berücksichtigt für ihre Entscheidungen die Empfehlungen der Kommunalen Projektentwicklungsgruppe, eines Gremiums auf Amtsleitungs- und Fachabteilungenebene. Beide Gremien beziehen in ihre Entscheidungen die Beratungen und Empfehlungen des Runden Tisches Nordstadt-Projekt ein. Der Runde Tisch dient dem Informationsaustausch über die geplanten und durchgeführten Aktivitäten und Projekte im Stadtteil und stellt das Bindeglied zwischen den Projekten und Akteuren im Stadtteil dar. Aufgrund seiner Zusammensetzung ist er überwiegend ein Gremium von Fachleuten.
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Steuerungsmodell des Nordstadt-Projekts (Grafik: Kommunale Arbeitsförderung, Stadt Kassel) |
Die Koordinationsstelle für das Nordstadt-Projekt umfasst das Projektmanagement wie auch das Stadtteilmanagement und befindet sich in der Kommunalen Arbeitsförderung gGmbH (KAF), einer Ausgründung des Sozialamtes. Ansprechpartnerin vor Ort im Stadtteil ist eine Quartiersmanagerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Stadtteilladen. Mit dieser Konstruktion sind die Aufgaben dessen, wofür der bisher nicht allgemeingültig definierte Begriff »Quartier(s)management« verwendet wird, im Kasseler Nordstadt-Projekt auf drei Ebenen verteilt (vgl. Übersicht »Aufgabenverteilung des Quartiersmanagements im Nordstadt-Projekt«).
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Aufgabenverteilung des Quartiersmanagements im Nordstadt-Projekt |
Die Quartiersbevölkerung in der Nordstadt ist multiethnisch (aus 29 Nationen) und gehört mehrheitlich den unteren sozialen Schichten an. Eine so zusammengesetzte Bevölkerung nimmt Beteiligungsangebote dann wahr, wenn diese auf ihre unmittelbaren Bedürfnisse zugeschnitten, alltagspraktisch und personenvermittelt sind. Aufsuchende Befragung, Einzelfallberatung, Streetwork, überschaubare Aktionen und andere Aktivierungstechniken sind hierfür geeignet. Solche direkten Formen der Beteiligung und Aktivierung werden in der Kasseler Nordstadt seit langem vielfältig praktiziert. Ihnen stehen repräsentative bzw. intermediäre Beteiligungsformen gegenüber, die ein längerfristiges Engagement, verbale Durchsetzungsfähigkeit und das Interesse an bzw. die Fähigkeit zu der Bearbeitung relativ abstrakter Themen erfordern. Konferenzen, Runde Tische sind Beispiele für solche Beteiligungsformen, die vor allem die Vertreterinnen und Vertreter von Initiativen, Vereinen, freien Trägern und anderen Akteuren vor Ort ansprechen. Auch diese Form der repräsentativen bzw. intermediären Beteiligung gibt es in der Kasseler Nordstadt.
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Akteure am Runden Tisch
Nordstadt-Projekt (Grafik: Arbeitsgruppe Dialogische Planung, Universität Kassel) |
Der konzeptionelle Orientierungsrahmen für die direkte und die repräsentative/intermediäre Beteiligung in der Kasseler Nordstadt ist ein Vier-Stufen-Konzept mit den folgenden Elementen:
Beteiligung und Aktivierung erfüllen dann ihren Zweck, wenn die Quartiersbevölkerung hierdurch einen Einfluss auf sie betreffende Entscheidungen nehmen kann und/oder darin gestärkt wird, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln.
In dieser Hinsicht ist der Runde Tisch Nordstadt die wichtigste repräsentative Beteiligungsform. Der Runde Tisch tagt seit 1997 regelmäßig in vierzehntägigem Abstand und versammelt in erstaunlicher Kontinuität die Vertreterinnen und Vertreter aus Einrichtungen, Trägern und Beiräten. Auch wenn aus Sicht der Mitglieder des Runden Tisches noch längst nicht alle wichtigen Akteure mitarbeiten, erfüllt dieses Gremium doch eine wichtige Funktion bei der Vermittlung von Informationen, bei der Entscheidungsvorbereitung für Projekte und Maßnahmen im Nordstadtprojekt sowie bei der Vernetzung von Aktivitäten.
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Nordstadtprojektfest 2001 (Bildquelle: Arbeitsgruppe Dialogische Planung, Universität Kassel) |
Die direkte Beteiligung der Bevölkerung, die über die Aktivierung Einzelner hinausgeht, ist zielgruppenspezifisch. Kinder- und Jugendliche beteiligen sich bei der Planung mobiler Cliquentreffs (z.B. März 2001); in einem Film von Univision der Kasseler Universität berichten die Kinder und Jugendlichen über ihre Situation und ihren Anteil an der Realisierung des Unterstands; in einer Zukunftswerkstatt entwickeln andere Kinder und Jugendliche Ideen zum »Nordstadtpark« und hinterlassen schon einmal »Spuren«, um die Autofahrer an eine veränderte Verkehrsführung zu gewöhnen. In einem Quartier der Nordstadt ist inzwischen ein Mieterbeirat aktiv, in einem weiteren hat sich eine Mieterinitiative gebildet. Beide arbeiten am Runden Tisch mit. Ein wichtiges Instrument zur Stärkung der Autonomie und Herausbildung von Strukturen der Selbstorganisation sind die inzwischen vielfältigen Treffs für Jugendliche und Frauen. Sie werden gestützt von gemeinnützigen Trägern, Wohnungsbaugesellschaften und dem Mieterbeirat. Die Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte, das freiwillige Soziale Trainingsjahr und weitere Maßnahmen, welche Jugendliche mit dem Ziel der individuellen Qualifizierung in Peergroup-Zusammenhänge und sinnvolle Projekte einbinden, sind Beispiele für die Beteiligung und Aktivierung Einzelner. Die direkte Beteiligung der Nordstadtbevölkerung bedarf der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in den intermediären Einrichtungen und Organisationen. In der Kasseler Nordstadt werden diese mit Erfolg entsprechend aktiv.
Bei der gebietsbezogenen Öffentlichkeitsarbeit wurden inzwischen kontinuierliche Strukturen herausgebildet. Seit 1999 erscheint regelmäßig alle drei Monate ein kostenloses Stadtteilmagazin, der »Nordwind«, herausgegeben von der »Nordstadt-Werkstatt« der Universität Kassel. Mit zahlreichen Beiträgen von Gruppen, Vereinen sowie einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern - zum Teil in türkischer Sprache - hat sich der »Nordwind« zu einem professionell gemachten Stadtteilforum und Werkzeug der Aktivierung entwickelt. Jährlich wird vom Stadtteilmanagement der »Nordstadt-Projekt-Spiegel« herausgegeben, der über den Stand des Projekts und seine Perspektiven informiert. Ebenfalls einmal im Jahr bietet eine Stadtteilkonferenz, inzwischen als »Nordstadtprojektfest« veranstaltet, einen breiten Rahmen für Informationen und Austausch. Ein unterhaltendes und motivierendes Programm ergänzt den informativen Teil. Die gebietsübergreifende Öffentlichkeitsarbeit bedient sich vor allem der lokalen Tageszeitung. Eine Auswertung von rund 60 Artikeln über das Nordstadt-Projekt (1997-2001) zeigt, dass die städtische Öffentlichkeit vor allem über einzelne Projekte für die Zielgruppe »Jugend« informiert wird. Dagegen sind Beiträge mit Hintergrundinformationen eher rar. Insgesamt müsste, dies ist auch die Einschätzung von Akteuren im Nordstadt-Projekt, die Öffentlichkeitsarbeit sowohl gebietsintern als auch bezogen auf die gesamtstädtische Öffentlichkeit verstärkt werden.
7. |
Fazit: Die erste Feuerprobe ist bestanden - der Aufbau selbst
tragender Strukturen muss weiterhin Ziel sein
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Die Kasseler Nordstadt ist ein Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf vor allem wegen der außerordentlichen Konzentration von sozialen und städtebaulichen Problemlagen in diesem Gebiet. Hierfür stehen unter anderem die Indikatoren Arbeitslosigkeit, Sozialhilfebezug, Defizite im Wohnbereich/Wohnumfeld. Die Stadtplanung ist davon abgekommen, für sozialstrukturelle Problemlagen eine Lösung in der Verteilung der Armutsbevölkerung über die Stadt hinweg zu erhoffen (Stichworte »Dispersion« und »soziale Mischung«). Mit Unterstützung von Bund und Ländern müssen Kommunen und freie Träger die Probleme in den Stadtteilen selbst, das heißt kleinräumig mit passgenauen Projekten und Maßnahmen, anpacken. Dazu bedürfen sie der Mithilfe von Akteurinnen und Akteuren vor Ort sowie der Mitarbeit von Betroffenen.
Unter den Zielgruppen von Maßnahmen in der Kasseler Nordstadt sind in erster Linie Kinder und Jugendliche sowie Menschen ohne deutschen Pass und deren Kinder und Enkel zu nennen. Alle diese Gruppen sind überdurchschnittlich in der Kasseler Nordstadt vertreten. Dringend ist die integrative Intervention im Stadtteil auch, um die weitere Segregation durch den hohen Bevölkerungsverlust zu stoppen, da Haushalte mit höherem Einkommen wegziehen und die Ärmeren zurücklassen (Stichwort »selektive Mobilität«).
Eine Zwischenbilanz - um mehr kann es zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht gehen - zeigt eine starke Konzentration der Projekte und Maßnahmen auf die genannten Zielgruppen. Wir finden Arbeits- und Beteiligungsstrukturen vor, die in vier und zum Teil noch mehr Jahren Tätigkeit bereits die erste Feuerprobe bestanden haben. Dies alles ist positiv. Ist dies genug? Ist es mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein? Die Antwort muss vorerst offen bleiben. So viel lässt sich jedoch sagen: Die Stabilisierung dieses Stadtteils wird ganz wesentlich davon abhängen, ob wir als Gesellschaft anerkennen, dass die Urbanität unserer Städte durch Zuwanderung geprägt ist und viel dafür spricht, dass wir die Zuwanderung von »Fremden« weiterhin brauchen (Stichwort »schrumpfende Stadt«). Auf der Grundlage einer solchen positiven Einstellung lassen sich den Zugewanderten - in der Kasseler Nordstadt den Angehörigen von 29 Nationen und Kulturen - die nötigen Entfaltungsmöglichkeiten zugestehen. Dies ist Voraussetzung für deren Identifikation mit dem Stadtteil und für »unternehmendes« Handeln. Wird ein solcher Weg eingeschlagen, wird sich dies auf das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Leben auswirken und sich auch in der Ästhetik des Quartiers ausdrücken. Hier dürfte die größte Herausforderung für alle Beteiligten liegen, denn mit der Anerkennung des »Fremden« verbinden sich vielfältige Ängste und Unannehmlichkeiten. Allerdings kann die Lösung dieser Probleme nicht nur auf der Ebene des Stadtteils selbst stattfinden, sondern bedarf auch des gesamtgesellschaftlichen Diskurses.
Anmerkung
(1) Ilona Caroli, Sozial- und bewohnerorientiertes
Stadtteil-Entwicklungskonzept Nordstadt (Magistrat der Stadt Kassel,
Dezernat für Soziales, Schule und Gesundheit; unveröffentlicht),
1997. ![]()
Quelle: Die Soziale Stadt - Eine erste Bilanz des Bund-Länder-Programms Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt, im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen herausgegeben vom Deutschen Institut für Urbanistik, Berlin, 2002