Berlin: Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg, Zentrum Kreuzberg / Oranienstraße
| Strategische Handlungsfelder: | Aktivierung und Beteiligung |
| Inhaltliche Handlungsfelder: | Image und Öffentlichkeitsarbeit, Stadtteilkultur, Zusammenleben unterschiedlicher sozialer und ethnischer Gruppen |
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Der Schwerpunkt liegt im inhaltlichen Handlungsfeld. | |
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Die Gegend um das Kottbusser Tor steht in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute für kritisch diskutierte Sanierungskonzepte und Bürgerproteste. Einerseits machte das Quartier seit den 70er Jahren Schlagzeilen durch Kahlschlagsanierung, Hausbesetzungen und Krawalle zum 1. Mai. Andererseits ist die Gegend bekannt für Menschen, die ihre Sache selbst in die Hand nehmen und ihre Interessen engagiert und fantasievoll vertreten. Nach fast 40 Jahren wurde 2002 die Sanierungsverordnung für das Kottbusser Tor aufgehoben. Es war die richtige Zeit, Bilanz zu ziehen. Wie hat sich Berlin am Kottbusser Tor verändert? Wie lebt es sich heute zwischen Landwehrkanal und ehemaligem Mauerstreifen? Was hat sich zum Besseren gewendet, was nicht? Und wie wird die Zukunft aussehen? Im Rahmen eines ungewöhnlichen Ausstellungsprojektes wurde mit Förderung der Vergabejury durch den Quartiersfonds des Quartiersmanagements Kottbusser Tor (Zentrum Kreuzberg / Wassertorplatz) unter dem Motto "Bürger und Bürgerinnen richten ihr Museum ein" die Geschichte des Viertels und seiner Bewohner seit Ende des Zweiten Weltkriegs anhand von Bildern, Geschichten, Filmen, Modellen, Erinnerungen und Portraits dokumentiert. An sechs vorbereitenden Arbeitsgruppen, die fast ein Jahr lang kontinuierlich tätig waren beteiligten sich ca. 100 Stadtteilbewohner/innen. Zunächst wurden Unterstützer/innen gesucht, die die Rolle der Projektleiter/innen übernahmen. Es wurden sechs geeignete Personen – fünf Frauen und ein Mann - mit unterschiedlichen Biografien und Herangehensweisen an die Aufgabe gefunden. Dann wurde ein Aufruf gestartet, in dem heutige und ehemalige Anwohner des Kottbusser Tors sowie Beobachter und Akteure der Geschichte der Sanierung in den letzten vierzig Jahre gebeten wurden, sich an der Entstehung des Projekt zu beteiligen. Aufgerufen wurde auf den Lokalseiten einiger Tageszeitungen, über die Lokalzeitung "Kreuzberger Chronik", vor allem aber durch eine Briefkasten-Wurfsendung, in der das Projekt skizziert wurde. Es meldeten sich bereits in den ersten vier Wochen über 100 Menschen. Viele haben nur kurz reingeschnuppert und wurden nicht wieder gesehen - darunter sehr viele Studenten, die die Teilnahme am Projekt mit einer Arbeit an der Hochschule verbinden wollten. Einige Interessenten haben sich in den verschiedenen Gruppen umgeschaut und sich erst später entschieden wo sie mitmachen würden. Andere wollten am Projekt teilnehmen, aber nicht in einer Gruppe mitarbeiten. Während der einjährigen Laufzeit des Projekts haben sich wohl über zweihundert Personen beteiligt. Zum "festen Kern" zählten letztlich etwa 60 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, sowie etwa 120 Unterstützer/innen. Für die meisten der dauerhaft Mitwirkenden in den Projektgruppen war die Teilnahme nur möglich, weil sie keiner Tätigkeit mit einer geregelten Arbeitszeit nachgingen. Einige waren bereits Rentner oder Frührentner, die meisten jedoch arbeitslos. In diesem Jahr war die Arbeitslosigkeit – auch eine neue Erfahrung für die meisten – eine Chance um etwas auszuprobieren und sich voll und ganz auf eine Sache einzulassen. Studenten und Studentinnen, die zu Beginn des Projekts in allen Gruppen vertreten waren, haben fast nie "durchgehalten". Die Projektgruppen der Fotograf/innen, Sammler/innen und Mediengestalter/innen haben in relativ festen Gruppen von durchschnittlich fünf bis acht Personen ein Jahr lang gemeinsam gearbeitet, d.h. ein inhaltliches Konzept aufgestellt, Arbeitsbereiche und Themen verteilt, ihre Ergebnisse ausgetauscht und zur Diskussion gestellt. Die Sammler/innen haben auf diese Weise Archive und Zeitungen durchsucht, Fotos und Dokumente gesammelt, Anwohner angesprochen und angeschrieben, Interviews geführt und Hintergrundinformationen zusammengetragen. Die Fotograf/innen machten sich nach gemeinsamen konzeptionellen Diskussionen einzeln oder in Kleingruppen auf Fotosafari und tauchten in die Exotik des Kottbusser Tors ein. Die Mediengestalter/innen legten in mehreren Gesprächsrunden Themen und Zeitabschnitte fest, die von verschiedenen Teilnehmern be- und erarbeitet wurden. Alle Gruppenmitglieder trafen sich einmal wöchentlich zu einer Teamsitzung und besprachen Fortschritte, Probleme und neue Möglichkeiten. Neben den festen Gruppen gab es die sogenannten "Satelliten", kleinere Gruppen oder auch Einzelpersonen, die ein selbst gewähltes Thema relativ unabhängig von der Gruppe bearbeitet haben. Einer dieser Satelliten bestand beispielsweise aus einem jungen Paar, das sich mit dem Thema "Drogen am Kottbusser Tor" beschäftigte und sowohl dazu recherchierte und fotografierte, wie auch selbst Ausstellungsexponate zusammengetragen und Texte dazu verfasst hat. Ein weiteres Satelliten-Thema war die legendäre Band "Ton Steine Scherben", zu der auch die Geschichte der Rauch-Haus-Besetzung im Jahr 1971 und die der Theatergruppen "Hoffmanns Comics Teater" und "Rote Steine" gehörte. Ein weiteres Thema trug der Sportclub SC Lurich 02 bei, der gerade sein hundertjähriges Bestehen in Kreuzberg feierte und auf der Suche nach der eigenen Geschichte in das Kreuzberg Museum kam. Weitere Satelliten-Themen waren die Geschichte des Hauses Sorauer Straße 13, der Stadtbücherei Adalbertstraße und die Geschichte des 1. Mai seit 1987 in Kreuzberg. Für die Chronist/innengruppe musste eine alternative Arbeitsform gefunden werden. Denn schon bald war klar, dass wohl keine Gruppe gefunden werden konnte, die ein Jahr lang die Chronik der Ereignisse der Sanierung und Protestbewegung aufschreiben würde. Die Projektleiterin hat sich deshalb - gemeinsam mit einem kleineren Team - für die Form der Schreibwerkstätten entschieden. Auch eine Visionärsgruppe nach dem Vorbild der Sammler- oder Fotografengruppe konnte nicht entstehen. Das mag daran liegen, dass Visionäre in der Regel keine Gruppenmenschen sind. Vielleicht sind die Anwohner des Kottbusser Tors aber auch eher Realisten als Visionäre. Ein visionäres Projekt war aber dennoch ein Workshop mit Anwohnern, in der zwei Künstlerinnen Bewohner fragten, wie sie sich ihre Umgebung in der Zukunft vorstellten. Dieses Kunstprojekt wurde erstaunlicherweise vorwiegend von älteren Menschen besucht. Die Gruppe der Ausstellungsbauer/innen entstand erst in den letzten vier Monaten des Projekts. Es bestand aus zwei verknüpften, aber dennoch einzeln erarbeiteten Teilen: einer Gruppe von handwerklich ausgebildeten Leuten, darunter drei Schreiner/innen und ein Modellbauer, und einem "Aufbauteam", das eher technisch-organisatorische Arbeiten übernahm. Neben den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der einzelnen Projekt- und Satellitengruppen wurden auch noch viele Kooperationspartner und Unterstützer gewonnen. Dazu gehörten Zeitzeugen, die zu einem Interview bereit waren, ehemalige und heutige Mitarbeiter der Stadterneuerungskommission, des Hochbauamts Kreuzberg, der S.T.E.R.N. GmbH, des Umbruch Archivs, des Papiertigerarchivs, des Rio-Reiser Archivs und sogar der Polizeihistorischen Sammlung und der Landesschutzpolizei. Geholfen haben außerdem Gewerbetreibende am Kottbusser Tor wie - unter vielen anderen - die langjährige Betreiberin des Schnellimbiss am Taxistand Reichenberger/Ecke Skalitzer Straße, die Inhaber des Trödelladens Eichhörnchen in der Oranienstraße und des ehemaligen türkischen Kent-Kinos in der Dresdener Straße sowie der Bezirksschornsteinfeger. Die Arbeitsweise der Gruppen haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen selbst entwickelt. Einige Gruppen trafen sich mehrmals wöchentlich zu kurzen Besprechungen, andere nur einmal in der Woche, dafür aber mehrere Stunden. Manche arbeiteten gemeinsam, andere getrennt. Die Fotografen und Fotografinnen machten sich meist schon früh auf den Weg, um das Licht für ihre Aufnahmen auszunutzen. Viele der Mediengestalter zogen es vor, erst am späten Nachmittag mit der Arbeit zu beginnen und dann oft bis in die Nachtstunden am Computer zu sitzen. Alle Gruppen haben viel Zeit auf die Entwicklung ihrer Konzepte verwandt, weil sich erst in der Diskussion und mit der Erfahrung bei der Arbeit klären ließ, was machbar, wichtig und vorzeigbar sein würde. Um den Informationsfluss zwischen den Mitwirkenden aufrechtzuerhalten fanden neben den wöchentlichen Treffen der Teilnehmer der einzelnen Projekte monatliche Besprechungen der Projektleiter und in Abständen von zwei bis drei Monaten Plenen, die für alle Beteiligten und Interessierten offen waren statt. Von den Gruppenleitertreffen und Gesamtplenen wurden Protokolle angefertigt, die allen zugänglich gemacht wurden. Darüber hinaus wurde im Internet eine Plattform eingerichtet, über die jeder Teilnehmer jeden seiner Mitstreiter erreichen konnte. Alle wurden aufgefordert, sämtliche Informationen, Termine, Änderungen, Ideen, Kritiken, Anregungen, Hinweise, Botschaften und Beobachtungen in die "yahoogroup" einzubringen. Jede eingebrachte Nachricht ging so per Mouseklick an alle Projektmitglieder. Nach einer kurzen Anlaufphase funktionierte dies hervorragend. Trotz dieser Hilfe blieb die Koordination eine logistische Herausforderung, die nur gelang, weil gerade zu Projektbeginn eine Studentin im Kreuzberg Museum ein Praktikum angetreten hatte und gleich zur Koordinatorin berufen wurde. Ein weiteres, weitaus bedeutenderes Problem bestand darin, Menschen in das Projekt einzubeziehen, die nicht zu den "normalen" Museumsbesuchern gehören. Da sich diese Anwohner nicht auf unseren öffentlichen Aufruf zum Mitmachen melden würden, mussten wir versuchen, sie da zu erreichen, wo sie lebten. Dies ist ein Stück weit der Fotogruppe gelungen, die die Menschen in ihren Wohnungen aufgesucht hat, aber auch den Sammlern, die Interviews geführt haben. Am schwierigsten war der Zugang zu der großen Gruppe der arabischen Mitbewohner in den Südblöcken des Kottbusser Tors. Hier haben die Mitglieder der einzelnen Projektgruppen versucht, über die arabisch sprechenden Mitarbeiter/innen der Mieterberatung Kontakt zu bekommen, Handzettel in arabischer Sprache verteilt, Veranstaltungen in den Häuserblocks, v.a. in der Galerie "Loge" besucht, sich mit einem Stand an einem Hoffest beteiligt und Kontakte über Bekannte und Bekannte von Bekannten geknüpft. Das Ergebnis dieser Bemühungen waren zwei Schreibwerkstätten in arabischer Sprache. Von einer repräsentativen Beteiligung dieser Bevölkerungsgruppe war dies jedoch weit entfernt. Erst in der Phase des Aufbaus der Ausstellung konnten durch einen Mitarbeiter, der kurz zuvor durch ein Beschäftigungsprogramm eine befristete Anstellung im Museum bekommen hatte, einige arabische Anwohner beteiligt werden. Mohamet El-Dawali brachte einfach, als die Arbeit die Kraft der Teilnehmer zu übersteigen drohte, seinen Sohn, dessen Freunde und auch gleich noch die Nachbarn mit. Die Ausstellungseröffnung fand am 01.02.2003 statt. Gleich im ersten Monat hatte die Ausstellung 4.000 Besucher, inzwischen wurde sie von etwa 30.000 Menschen besucht. Die Ergebnisse des Projekts sind in einer Ausstellung, die sich über zwei Etagen des Kreuzberg Museums erstreckt, zu sehen. Zu den Ergebnissen gehören u.a. ein Fotobuch, ein Textbuch, eine Multimedia-CD, Film- und Fotodokumentationen. Weiterhin gehören zu den Ergebnissen des Projekts aber auch nichtsichtbare Dinge, wie die sehr stark durch das Projekt geknüpften Kontakte, Kontakte der Teilnehmer untereinander und auch der Kontakt mit und zwischen den verschiedensten Anwohnern am Kottbusser Tor. Durch die einjährige Arbeit ist für die Teilnehmer am Projekt eine Art inoffizielles Netzwerk entstanden, das auch über das Projekt hinaus besteht. Mehrere Teilnehmer und Teilnehmerinnen die schon viele Jahre im Quartier leben haben erzählt, dass sie ihre Nachbarschaft jetzt anders wahrnehmen. Erst während der Arbeit haben sie erfahren, dass sie sich bisher nur in einem kleinen Ausschnitt des vielschichtigen und vielkulturellen Umfeldes bewegt und auch nur diesen Ausschnitt wahrgenommen haben. Viele Mitwirkende hatten zum ersten mal einen Anlass, um bei den Nachbarn anzuklopfen, mit dem türkischen Schneider in der Dresdener Straße zu sprechen, eine Druckerei im Hinterhof der Adalbertstraße zu besuchen, eine Moschee zu betreten, die Architektur des Zentrums Kreuzbergs mit den Augen eines durch die chinesische Philosophie geschulten Asiaten zu sehen oder auch nur in die "Schmuddelecken" zu gucken. Der zur Ausstellung erschienene Katalog umfasst das in mehreren Schreibwerkstätten entstandene Lesebuch "Wortfunken", den Bildband der Fotografengruppe mit Panorama- und 3-D-Fotos sowie eine Multimedia CD mit interaktivem Stadtplan. Bücher und CD's sind einzeln für je 8,50 Euro, komplett im Schuber für 20 Euro erhältlich. Die Ausstellung ist in reduzierter Form weiterhin im Kreuzberg-Museum und unter www.kreuzbergmuseum.de zu sehen. Alle Abbildungen zu diesem Beitrag |
![]() Das Kottbusser Tor aus der Luft ![]() Pressegespräch ![]() Teamsitzung ![]() Gruppenbild ![]() Kottikuchen zur Eröffnung der Ausstellung ![]() Kottikuchen zur Eröffnung der Ausstellung ![]() Aufbauhelferin ![]() Pech ![]() Mediengruppe ![]() Abrissbombe ![]() Ton wird eingereicht |
Martin Düspohl
Bewohnerinnen / Bewohner
Die Beteiligten waren heutige oder – in einigen Fällen – ehemalige Anwohner. Etwa 65% waren Frauen. Es nahmen junge Erwachsene, Erwachsene und Senioren teil. Sie stammen aus Deutschland, dem Libanon, dem Iran, der Türkei, Argentinien, Polen und Russland.
nein
Es nahmen mehr Frauen als Männer an dem Projekt teil. Möglicherweise, weil überwiegend Frauen in der Rolle der Projektleitung waren. Frauen sprachen meist auf die persönliche Ansprache an, Männer eher, weil sie durch Flyer oder Aufrufe in den Zeitungen vom Projekt erfahren hatten.Mittel aus Landesprogrammen, Kommunale Mittel
Landesmittel: Quartiersfonds (2001/2002)Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichthe Kreuzbergs e.V. (= Förderverein des Kreuzberg Museums für Stadtentwicklung und Sozialgeschichte)
Literaturhinweise / Zeitungsartikel / Websites
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Herr Martin Düspohl c/o KreuzbergMuseum Adalbertstraße 95a 10999 Berlin Telefon: +49(0)30/5058-5233 Telefax: +49(0)30/5058-5258 E-mail: info@kreuzbergmuseum.de |
Quartiermanagement Kottbusser Tor KonTor Frau Sylvia Kahle Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin Reichenberger Straße 177 10999 Berlin Telefon: +49 (0)30/612 30 40 Telefax: +49 (0)30/612 20 00 E-mail: spi-qm-kottbusser-tor@t-online.de |
Frau Nicole Bieleke Stadt Berlin Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg Frankfurter Allee 35/37 10247 Berlin Telefon: +49 (0)30/90298-4050 Telefax: +49 (0)30/90298-4178 E-mail: nicole.bieleke@ba-fk.verwalt-berlin.de |
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Stand: 01.09.2004 |